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Vor kurzem stand bei uns in der Zeitung, dass die Gentrifizierung in meinem Quartier angekommen sei. Ich dacht, ok, ist das nun gut? Ich bin immerhin mit von der Partie, aber möchte ich das überhaupt sein? Wenn ich heute auf der Strasse die Gentrifizierung erklären müsste, ganz einfach und volksnah, ich könnte es nicht. Wir brauchen das immer in Zusammenhang mit Wohnungsnot und billigem Wohnraum. Und wir Grünen sind gegen Gentrifizierung, das weiss ich. Und ich denke da  bin ich auf der sicheren Seite, denn es gibt vieles mit „Gen“, was mir suspekt ist. Gentechnologie, Genozid, Genveränderung, Genau, Generell, Gentelman…

Ich habe dann mein Quartier angeschaut und mir überlegt, was nun hier wohl in den letzten Jahren passiert ist. Was ich feststelle ist, dass es sehr viele junge Familien gegeben hat, welche mit vielen kleinen Kindern auf der Strasse auftauchen und es zu riesigen Bobbycar-Rennen aussartet. Wir Eltern trinken dann ein Bier auf der Strasse und machen einen auf Reclaim the Street. Aber klar, ja, die Eltern sind alles Doppelverdiener, haben ein Häusschen und einen guten Job und total anständige Kinder. Im Quartier gibt es auch Sozialwohnungen, die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen am Quartiefest teil oder bleiben für einen Schwatz mit ihrem Hund auf der Strasse stehen. Eigentlich find ichs in meinem Quartier viel dörflicher als im Film „Zum Beispiel Suber“. Dort spricht ja anscheinend niemand miteinander, gibt’s kein Lädeli mehr (was bei uns sehr wohl der Fall ist), grosse Hecken verstecken die Sicht und das Interesse aneinander ist sehr klein. Wenn bei uns im Quartier jemand alleinstehendes sterben würde, würde das immer jemand merken. Dass eine Leiche 2 Jahre rumliegt, nein, das käme bei uns nicht vor.

Nach dieser Kolumne weiss ich ja jetzt was Gentrifizierung ist, bin ich denn jetzt Teil davon?

Unser Quartier ist eigentlich ein kleines Dörfli in der Stadt, mit Reichen, Jungen, Ausländerinnen und Ausländern und einem Generationenwechsel. Ich finds schön und ich fühle mich aufgehoben.

Auf jeden Fall bin ich, nachdem ich das Wort nachgeschlagen habe, froh, dass ich nicht genau wusste, was es ist. Somit bin ich auch nicht Teil davon. Die Zeitung hatte übrigens nur teilweise recht, je nach Definition. Nach dieser Kolumne weiss ich ja jetzt was Gentrifizierung ist, bin ich denn jetzt Teil davon? Ist dieperspektive verantwortlich dafür, dass ich jetzt Teil davon geworden bin? Ich hoffe es nicht, denn leben tu ich was anderes.

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Bist du einmal hier gewesen

behalten wir Dein Wesen

Komm wieder in unsere Gemächer

und trinke aus unserem Becher

Wir sorgen für dein Wohl

nur treibe es nicht zu doll

(Hausgedicht)

 

Etwas abseits steht sie, die alte Dame, und scheint ganz stoisch auf das hektische, mitunter aggressionsgeschwängerte Treiben vor ihr zu blicken. Das Leben hat sie gezeichnet, trotzdem strahlt sie – weiss, wie sie ist – eine erhabene Schönheit aus. Sie scheint über den Dingen zu stehen. Dazu brauchte sie weder Schönheitsoperationen noch ein Philosophiestudium. Ab und zu ein neuer Anstrich, das vielleicht schon, den Rest besorgte das ungeschminkte Leben. Die alte Dame steht an der Ecke eines grossen Platzes mit Brunnen in der Mitte, seit 1875 – wie ein Fels in der Brandung, unverrückbar. Etwas Mundgeruch hat sie, das merkt man, wenn man ihr näher kommt. Die alte Dame, sie ist ein Haus. Der Mundgeruch: ein Gemisch aus Alkohol, Rauch, Schweiss und Urin.

Liebe alte Dame, der Platz, an dem Sie stehen, ist bekannt für seinen Lärm – wie haben Sie geschlafen?
Wie ich geschlafen habe? Wie eine Alphütte! Über all die Jahre habe ich mich so an den Lärm gewöhnt, dass mich eher die Ruhe beunruhigt. Die will man uns aber immer mehr aufzwingen.

Aber hier wohnen doch auch Familien.
Ja, aber noch nicht lange, und nicht in mir. Wissen sie, was ich befürchte? Dass ich zum Spekulationsobjekt werde. Schon wieder.

Wieso schon wieder?
Naja, die Spekulation ist gewissermassen mein leiblicher Vater. Ich wurde 1875 auf günstig erworbenes Land gebaut und habe dann, zusammen mit meinen Geschwistern, ganz schön Geld abgeworfen. Wohlhabende Menschen hausten in mir. Der Brunnen, da auf dem Platz, heisst bis heute im Volksmund Spekulations- und Korruptionsbrunnen. Den schenkten die Spekulanten der Stadt, um sie weiterhin schön ruhig zu halten.

Und jetzt befürchten Sie, erneut zum Spekulationsobjekt zu werden?
Ja, schauen sie sich um. Hier war noch vor wenigen Jahren die Drogenhölle. Seit dem 2. Weltkrieg war das ein Ort für Verlierer. Die werden aber immer mehr verdrängt. Die Dirnen dürfen ihre Kunden nicht mehr auf der Strasse ansprechen. Seither sitzen sie bei mir auf der Treppe, immer einen Karton unter dem Po, oder in den Lokalen. Mein Herr ist alt, ich befürchte, dass sie, sollte er sterben, bald draussen vor der Tür stehen.

Dafür würde vielleicht endlich mal saniert, ihr Zustand im Innern ist ja bedenklich.
Ach, da schlagen zwei Herzen in meinen Wohnungen. Klar sind gewisse Arbeiten fällig. Werde ich jedoch zum “sanierten Altbau”, wie einige meiner Geschwister, verliere ich alle meine jetzigen Bewohner. In den Wohnungen genau so wie in der Bar, dem kleinen Casino und dem Stundenhotel. Heute geben sich bei mir Verlierer, Studenten, Prostituierte, Freier und Künstler die Klinke in die Hand. Einige meiner Geschwister beherbergen ja nur noch Reiche, die sich schon heute um ihre Töchterchen fürchten, die irgendwann junge Frauen sein werden.

Das Quartier ist bereits sicherer geworden. Warum sollte es nicht noch sicherer gemacht werden?
Weil es für seine Bewohner sicher genug ist. Niemand hat sich hier reiche Menschen gewünscht.

Die Welt befindet sich aber im steten Wandel, dagegen kann man doch nichts machen?
Ich habe nichts gegen den Wandel im Allgemeinen. Wie viel ich schon erlebt habe… Fuchsteufelswild werde ich aber, wenn der Wandel zugunsten von Spekulanten geschieht. Das hat vielleicht mit meiner Geschichte zu tun, als Spekulationskind bin ich da besonders sensibel. 1875 mussten alle Handwerker, die hier angesiedelt waren, den Platz für die wohlhabende Mittelschicht räumen. Ich möchte nicht zum zweiten Mal für so etwas missbraucht werden.

Aber die Stadt möchte ja hier auch günstigen Wohnraum zur Verfügung stellen.
Günstigen Wohnraum für weniger gut verdienende Gewinner vielleicht. Aber alle wahren Verlierer verlieren erneut und werden verdrängt.

Die alte Dame spricht langsam und bedacht, obwohl ihr das Thema offensichtlich nahe geht. Dirnen sitzen derweil auf den Stufen ihres Einganges, Studenten tragen ihre Fixies an ihnen vorbei ins Haus hoch, Künstler treten diskutierend auf die Strasse. Auch ein Anzugträger ist unter den Bewohnern zu erblicken. Freier und Dirne verlassen das Stundenhotel in der alten Dame gestaffelt. Kaum auszumalen, was in all den Räumen zeitgleich vor sich gehen mag. Vor dem Kiosk auf der anderen Strassenseite sitzen rund zehn Schwarze, Alkoholiker kaufen sich günstiges Bier und torkeln zum Brunnen, vor dem sie sich auf die Stufen setzen. Immer wieder wird es laut, Glas klirrt auf Asphalt, Schreie hallen durch die Luft – das Gespräch mit der alten Dame wird Mal für Mal unterbrochen. Auf einmal spuckt sie zwei Menschen aus, die sich in ihrem Eingang wegen Drogen prügeln wollen. Fast reissen sie das junge Paar mit, das zeitgleich die Räder in die Höhe stemmend das Haus betreten will. Zeit, etwas in Erinnerungen zu schwelgen.

139 Jahre stehen Sie schon da: Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?
Die Markttage, die es früher werktags auf dem Platz gab. Und die rollschuhfahrenden Kinder, das war schön. Der Platz war damals ein Treffpunkt für alle.

Schaut man den Platz heute, einige Jahre nach dem Umbau, an, scheint er diesem Zustand wieder näher zu kommen. Wie sehen Sie das?
Das stimmt. Es hat in den letzten Jahren eine Durchmischung gegeben. Zurzeit sitzen Capuccinoschlürfer unweit von Alkoholikern und Dirnen. Der Platz ist viel offener und bietet keine Verstecke mehr, dadurch ist er sicherer geworden. Auch die Befreiung vom Verkehr war positiv. Soll der Platz aber ein Treffpunkt für alle bleiben, darf niemand mehr vertrieben werden. Sonst haben wir hier bald ein leblos-steriles Quartier für Reiche, das die Geldbeutel einiger Spekulanten glücklich macht.

Was sind Ihre schlimmsten Erinnerungen?
Die Choleraepidemie im Quartier Ende des vorletzten Jahrhunderts, ich kann mich noch gut an die Garküche auf dem Platz erinnern. Und an all die Trümmer meiner bombardierten Geschwister und anderer Nachbarn im Zweiten Weltkrieg. Zuletzt die vielen Drogentoten, auch in meinen Räumen, Ende des letzten Jahrhunderts.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?
Zurzeit fürchte ich mich mehr, als dass ich hoffe. Vor einem Abriss am meisten, aber auch vor einer Sanierung, die dazu führen würde, dass meine liebgewonnenen Bewohner ausziehen müssten. Ich hoffe, ich überstehe noch einige Jahrzehnte. Einzelne, lebensverlängernde Renovationen wären schön, sodass meine Türen noch lange für alle offen sein können.

 

Text: Nick Schwery, 28, lebt, denkt, schreibt – und studiert bald wieder

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Gin trinken im Dante, Elektro hören und Zug schauen im Heilewelt, Retromöbel totdiskutieren im Casablanca, zmörgele (‘tschuldigung: brunche) im Dini Mueter und Burger essen im Hooters. Oder zum Après-Travail ins Forum (nur für Agglos).

Der Bling ist schon lange an der wichtigsten Ausgehmeile der wichtigsten Ausgehstadt der einzigen Schweiz angekommen. Und die Veränderung der Langstrasse schreitet weiterhin rasant voran. Manche sehen das positiv, andere negativ. Doch aufhalten lässt sich diese Walze des zivilisatorischen Wandels nicht.

Was sich technokratisch «Gentrifizierung» schimpft, ist die Verdrängung von ärmeren Bürgern aus ihren Wohnungen durch die Zuwanderung von finanziell Bessergestellten, verbunden mit einem markanten Mietanstieg. Diese Entwicklung konnte schon in vielen Ländern beobachtet werden. Zum ersten Mal beschrieben wurde das Phänomen 1964 von der Soziologin Ruth Glass, welche in London die Verdrängung der Arbeiterklasse aus ihren Wohnhäusern durch die Mittelklasse (engl. «gentry») beobachtete.

Weil nur die wenigsten Lust auf Kommunismus haben, müssten wir auf eine sozial ausgerichtete Wohnungspolitik setzen

Zürich kennt die «Seefeldisierung», welche kurz vor der Jahrtausendwende startete und eine Umgestaltung der Bevölkerungsstruktur im Quartier zur Folge hatte. Immobilienspekulant und Hassfigur der Mieter, Urs Ledermann, machte sich (zusammen mit anderen) die Re-Urbanisierung zur Gewinnmaximierung zu Nutze. Seither fürchtet sich in Zürich jedes Quartier vor einem ähnlich perversen Schreckenszenario. Dabei geht aber oft vergessen, dass die Stadt zuvor lange gemieden wurde, unter Bevölkerungsabwanderung zu leiden hatte und dementsprechende Massnahmen zur Einwohnerrückgewinnung getroffen wurden. Hamburgs Hanseaten z.B. bemühten sich um die Aufwertung einzelner Problemgebiete mittels günstigen Wohnraums für Studenten, wodurch anschliessend Besserverdienende zum Nachziehen bewegt werden sollen.

Das Häuschen im Grünen ist mittlerweile nicht mehr der Lebenstraum einer ganzen Generation, dafür die Stadt als Wohnort wieder attraktiver. Doch Geld regiert nun mal die Welt. Und weil nur die wenigsten Lust auf Kommunismus haben, müssten wir auf eine sozial ausgerichtete Wohnungspolitik setzen, um eine gute und stabile sozioökonomische Durchmischung der Quartiere zu erreichen. Wie dies gehen könnte, zeigt uns Wien: Obwohl Österreichs Hauptstadt ebenfalls eine Aufwertung seiner Stadtbezirke erfährt, zeigt sie, dass dies (für uns erstaunlicherweise) auch ohne (grosse) Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung geht. Und dieses schöne Kind hat viele Eltern: Erstens den restriktiven Mieterschutz, zweitens eine hohe Anzahl an städtischen Wohnungen und drittens die städtischen Fördergelder für Sanierungsarbeiten, bei deren Bezug sich der Vermieter zur Nicht-Erhöhung der Mieten über einen langen Zeitraum (15 Jahre) verpflichtet.

Pekuniäre Aufwertung versus soziale Einbusse. Stille Einsamkeit hinter Hecken versus reges Treiben vor der Tür. Jeder für sich versus kulturelle Vielfalt. Verfremdung und Instabilität des Gemeindelebens versus funktionierendes und konstruktives Miteinander.

Die Gesellschaft wählt das von ihr bevorzugte Modell letztendlich selber. Doch brauchen wir diesen Profit um jeden Preis wirklich? Oder wäre eine sozial besser verträgliche Politik nicht letztendlich sinnvoller? Der Zwinglistadt würde etwas Guy Fawkes und eine Portion Remmidemmi auf jeden Fall gut tun.

 

Text: Hans Reiser, 31 Jahre, Denker und Trinker Aufklärer und Blender Interessiert an gesunder Stadtluft, nützlicher Homöopathie und beruflicher Perspektive.

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Wir befinden uns an der Weststrasse. Tamilischen Familien begegnet man dieser Tage eher selten. Eine andere Gruppe von Anwohnern ist dagegen oft präsent: Die chassidische Gemeinde: Männer mit Bärten, Frauen in Röcken und Kinder, die sich scheinbar ausschliesslich mit Fahrrad und Kickboard fortbewegen. In Kreis 2 und 3 wohnen ungefähr 5000 Anwohner, die Mitglied in einer der  jüdischen Gemeinden Zürichs sind.

Die Weststrasse ist ein Paradebeispiel für Gentrifizierung – das ist kein Geheimnis. Beim Nachdenken über die Folgen der Gentrifizierung drängt sich die Frage auf: Ist die orthodoxe jüdische Gemeinde von der Gentrifizierung des Kreis 3 betroffen?

Die Agudas-Achim-Gemeinde hat ihre Synagoge an der Weststrasse. Die Gemeinde wurde 1912 gegründet, hat seit 1921 Beträume und eine Schule an der Liegenschaft eingerichtet, wo heute die Synagoge steht, welche 1960 eingeweiht wurde.. Überhalb der Synagoge ist eine Talmud-Schule eingerichtet.

Nur zwei der vier Zürcher jüdischen Gemeinden, die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich (IRG) und die Agudas-Achim-Gemeinde leben  nach –  von aussen betrachtet als überaus streng erscheinenden – traditionellen Regeln, und werden daher gelegentlich auch als ultraorthodox bezeichnet.

Kein Auto oder ÖV am Sabbat

Unsere Vermutung war, dass Wohnen an der Weststrasse den Mitgliedern der Agudas-Achim-Gemeinde in besonderem Masse wichtig ist, vielleicht noch mehr als anderen Anwohnern zuvor, die anfangs wegen den günstigen Wohnungen wegen hier lebten. Zum einen ist hier die Synagoge, das Zentrum der Gemeinde. Am Sabbat ist es nicht erlaubt, Autos oder ÖV zu benutzen. Somit hat die Nähe der Wohnung zur Synagoge schon allein praktische Gründe. Zudem befindet sich an der Weststrasse der nach eigenen Angaben grösste koschere Supermarkt der Schweiz: Koscher City. Auch im nahegelegenen Coop am Manesseplatz gibt es eine kleine koschere Abteilung. Mehrere jüdische Schulen, in denen neben dem Lehrplan des Kantons religiöse und kulturelle Inhalte vermittelt werden, befinden sich in der Gegend. Die Motivation der jüdischen Familien hier zu wohnen, unterscheidet sich also – das unterstellen wir – grundsätzlich von derjenigen der Yuppie-Fraktion.

Mit der Aufwertung durch Verkehrsberuhigung und Renovation, dem Eröffnen neuer (selbstdeklarierter) Szenelokale und der Vervielfachung hipper Kulturangebote geht ein struktureller Wandel einher und die Mieten steigen. Sind jüdisch-orthodoxen Anwohner vor diesem Hintergrund nicht ein wenig sauer auf die neue Schickeria ?

Drastischer formuliert, hat die jüdisch-orthodoxe Gemeinde weder den Lärm, noch die Abgase, noch die ladenlose Öde der alten Weststrasse gemieden, sondern dort eine für das religiöse Leben wichtige Infrastruktur aufgebaut. Kann sie nun in diesem Quartier bleiben, oder müssen Mitglieder von jüdischen Gemeinden in andere Quartiere ausweichen? Was hiesse das für den koscheren Lebensmittelladen, der wahrscheinlich auf seine im Sihlfeld ansässige Kundschaft angewiesen ist?

Mit unserer Recherche versuchten wir, einen Eindruck der aktuellen Situation im Sihlfeld zu gewinnen – was sich aber als schwieriger gestaltete, als wir erwartet hatten.

Schwierige Recherche

Zwei Dokumente der Stadtentwicklung über die Weststrasse erwähnen die Gemeinde als Anwohnergruppe nur am Rande; so wurde zum Beispiel bei einer Anwohnerbefragung von 48 Personen nur ein einziges Mitglied der Gemeinde berücksichtigt (vergleiche «Weststrasse im Wandel», Stadtentwicklung Zürich mit ZHdK und ZHAW, 2008).  Nur Aussagen Dritter, zum Beispiel benachbarter Hauseigentümer und –verwalter sowie Quartiersexperten, finden sich in einer Analyse zu Renovationsbedarf und –vorhaben (vergleiche «Analysebericht zum Quartier Sihlfeld und der Weststrasse», Stadtentwicklung Zürich 2005). Dies sei einfach nicht die Stossrichtung der Analyse gewesen, betonte die Autorin auf unsere Nachfrage hin; zwar habe man auch Fragebogen an orthodoxe Hauseigentümer geschickt, über Religionszugehörigkeit wurden aber keine Daten erhoben.

Vom Geschäftsleiter des koscheren Supermarktes wurden wir mit unseren Fragen mehrmals vertröstet. Heute sei zu viel los, wir sollten nächste Woche wieder kommen, morgen, ein anderes Mal. Ein Mitarbeiter der Synagoge willigte zwar ein, telefonisch weiterzuhelfen, begegnete uns aber mit Misstrauen, und beantwortete kaum eine Frage. Im Gegenteil wurde er ob unserer Bemerkung, dass die Gemeinde wohl nicht der günstigen Wohnungen wegen im Kreis 3 lebe, sondern um der Synagoge willen, rundheraus sauer. Vielleicht dachte er, wir unterstellten der Gemeinde, dass sie sowieso reich genug sei, um sich das Quartier zu leisten; dabei hatten wir ja gerade die gegenteilige Frage stellen wollen. Das Thema sei zumindest in der Synagoge nicht diskutiert worden, da man sich vorwiegend zum Gebet dort treffe.

Keine Gespräche mit der Stadt

Klar, als positiv werde die neue Ruhe durch die Verkehrsberuhigung in der Weststrasse bewertet. Ein Dialog über die Quartiersentwicklung mit der Stadt Zürich sei seines Wissens nach nicht geführt worden. Ein Vertreter der Stadtentwicklung Zürich gab an, man habe vor der Verkehrsberuhigung den Kontakt zu Grundeigentümern gesucht und in diesem Zusammenhang auch «kurz Kontakt mit Vertretern der Gemeinde Agudas Achim» gehabt. Ein intensiver Dialog scheint sich daraus nicht ergeben zu haben. Warum das so ist, bleibt offen.

Ob es konkrete Fälle gibt, in denen Familien auf Grund steigender Mieten gezwungen sind, umziehen, liess der Mitarbeiter der Synagoge ebenfalls offen. In einem solchen Fall, so teilte man uns mit, könne die Gemeinde die Familien nicht direkt unterstützen. Die Gemeinde besitze auch keine eigenen Liegenschaften, deren Wohnungen sie bedürftigen Familien anbieten könnte.

Vakuum an Information

Ist  Gentrifizierung hier kein Thema? Während der Recherche bemerkten wir, wie schwierig es ist, mit einem solchen Mangel an Informationen umzugehen. Die Zitate in Berichten der Stadtentwicklung klangen bestenfalls nach Klischees und offen von seinen Erfahrungen erzählen, wollte zunächst niemand.

Ein solches Vakuum an Informationen birgt die Gefahr, in Vermutungen und Spekulationen zu verfallen. Diese Einsicht gewannen wir leider ebenfalls in der Nachbarschaft, wo beispielsweise erzählt wurde, die jüdische Gemeinde habe grossen Einfluss auf die Entwicklung des Quartiers. Zum Glück glauben wir nicht an solche Verschwörungstheorien. Wir glauben aber auch nicht, dass Gentrifizierung kein Thema für die jüdische Gemeinde ist.

Unsere Hartnäckigkeit wurde schliesslich belohnt: Eine Mitarbeiterin des orthodoxen Supermarkts gab uns sehr bereitwillig und freundlich Auskunft. Natürlich, betonte sie, handele es sich um subjektive Eindrücke und Erfahrungen, doch half uns der Perspektivwechsel, die Situation besser einschätzen zu können.

Für den Laden habe sich nichts verändert. Die Stammkunden scheinen dem Supermarkt treu zu bleiben und nicht-jüdische Anwohner bevorzugten nach wie vor andere Läden. Jedoch sei sie in Sorge, man könne wegen der Aufwertung bald keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Das wäre für die jüdische Gemeinde einschneidend.

Es geht uns allen gleich

Sie spricht ebenfalls das Gerücht an, die Verkehrsberuhigung sei ein Zugeständnis an die  jüdische Gemeinde. Es sei Blödsinn, dass der Einfluss der jüdischen Gemeinde solch ein Projekt stimulieren soll; die Stadt sei noch nie gross auf Anliegen aus der Gemeinde eingegangen. In der Tat scheint der offizielle Dialog stärker mit den öffentlich-rechtlich anerkannten Gemeinden geführt zu werden. (Auf staatliche Anerkennung haben die beiden streng orthodoxen Gemeinden bislang verzichtet, da diese vorgängig Reformen erfordern würde).

Wir fragen uns, wie die Entstehung solcher Gerüchte vermieden werden kann. Durch grössere Transparenz und Offenheit seitens der ansässigen jüdischen Gemeinde? Durch mehr Dialogbereitschaft der Stadt? Wir haben unsere eigene Wissenslücke entdeckt, welche wir bis zu dieser Recherche wahrscheinlich mit vielen im Quartier teilten. Um sie aber zu schliessen, und die Hintergründe zu verstehen, mussten wir uns bemühen, und die Fortschritte waren klein. Da wäre es natürlich einfacher gewesen, das nächstbeste Gerücht am Treppenabsatz nachzuplappern und Bescheid zu wissen.

Und was ist nun los mit der Gentrifizierung? Vermutlich ergeht es den Mitgliedern der Gemeinde ebenso wie uns allen eben auch. Manche haben genug Glück oder Geld, um zu bleiben; andere werden sukzessive in weiter weg gelegene Quartiere ziehen. Uns scheint, als habe die Gemeinde auch nicht anders oder besser im Interesse ihrer weniger wohlhabenden Mitglieder verhandelt und vorausgeschaut, als die Stadt Zürich selbst.

Die Zeit wird zeigen, wie sich das Sihlfeld in Zukunft entwickeln wird; oder, um es mit dem Schlussatz des letzten, etwas ungehaltenen E-mail des Gemeindevertreters zu sagen:

«Was die Zukunft bringen wird, kann niemand im Voraus wissen. Viel Erfolg in Ihrer Arbeit. Ich bin erst wieder in 10 Tagen im Büro.»

 

Text: Laura Ermert & Rita Schubert, Ein Gespann aus Umwelt- und Erdwissenschaften, Bayern und Schwaben, kurz und lang.

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Wenn du weisst, was Gentrifizierung ist, bist du Teil davon. Wirklich? Ich könnte ja auch auf einem Biobauernhof in Illnau-Effretikon wohnen und trotzdem wissen, was das heisst. Ich könnte eine Lehre als KFZ-Mechaniker abgeschlossen haben und meinen sieben Schweinchen Möhren verfüttern, während ich im Stall aufmerksam das Echo der Zeit höre. Ich könnte ein guter Zuhörer sein und die Radio-Reportage über die Aufwertung im Kreis 4 in Zürich förmlich in mich aufsaugen. Ich könnte mich nach getaner Arbeit auf meine Veranda setzen, könnte mir eine Brissago anstecken und paffend über dieses seltsame Wort nachdenken. Gentrifizierung, was soll das? Ich würde nachdenken über die seltsamen Menschen, die sich in schäbigen Quartieren zu exorbitanten Preisen zusammenpferchen, zwischen Nutten und Dealern, nur um sich lebendig zu fühlen – um sich überhaupt zu fühlen. Ich würde mich wundern über meine Altersgenossen, die in zu engen Hosen an der Langstrasse herumtingeln, einen hippen Schuppen nach dem andern fluten, sich bittres Züri-Bier in ihre Bäuche schütten und sich danach in den Seitengassen in ihre aufgewerteten Löcher zurückziehen, für die sie exorbitante Mieten bezahlen. Ich würde nachdenken über die, die da ihren Rausch ausschlafen und sich mit übersäuerten Mägen in ihren Pritschen wälzen, wo noch vor drei Jahren Huren ihre Freier bedienten.

Trotz schmerzenden Köpfchen und windenden Därmchen denken sie: Das ist Leben!

Sie, diese Germanistikstudenten, diese Philosophinnen, diese werdenden Architekten, sie, die Ethnologen, Biologen und Anthropologen, sie sitzen auf ihren lottrigen Ikea-Möbeln und trinken lumpigen Kaffee aus einer Bialetti. Trotz schmerzenden Köpfchen und windenden Därmchen denken sie: Das ist Leben! In diesem Quartier sind noch die wahren Abgründe der menschlichen Existenz zu sehen. Hier knallt’s eben noch ordentlich. Hier ist noch nicht alles tot wie in den anderen Vierteln dieser Stadt. Ich bin am Brennpunkt, ich hab’s eben gecheckt. Sonst gibt es ja nur Banker und überreglementierte Pärke. Aber hier, hier pulsiert noch das Leben, und ich bin dabei, hurra. Ich bin stolz darauf, dass das Gebäude, in dem ich wohne, vor drei Jahren in den Medien als Skandalhaus betitelt wurde. Vor drei Jahren, das heisst, vor der Sanierung, vor dem Induktionsherd und vor den schallisolierten Fenstern. Ich fühle mich lebendig in diesem Haus, wo sich früher Prostituierte mit ihren Zuhältern zofften und wo Junkies noch beim Nachbarn um Stoff bettelten. That’s real life, denke ich, irgendwie geil. Und trotzdem rege ich mich täglich über den Dealer im Parterre auf, den die Verwaltung nach der Aufwertung nicht aus dem Haus vertreiben konnte. Er empfängt die Kunden in seiner Wohnung, in unserem Haus! Ein Skandal, denke ich. Wofür bezahl ich denn so viel Miete? Und während ich mein Rührei verzehre, das ich zuvor mit Trüffelbutter angebraten habe, mache ich mir Gedanken über das Thema meiner Masterarbeit. Schreibe ich über Ruth Glass, Jürgen Friedrichs oder vielleicht doch über Mittelschichtsfamilien in urbanem Umfeld?

Ich könnte aber auch auf meiner Veranda sitzen, in Illnau-Effretikon, an meiner Krummen ziehen und den bissigen Rauch wieder aus meinen fröhlichen Lungen stossen. Gentrifizierung, würde ich denken, was für ein seltsames Wort. Wie spricht man das überhaupt aus? So wie’s dasteht oder eher neudeutsch mit «tsch»? Die Sprecherin im Radio sagte Gentrifizierung; der Städteentwickler aus Berlin, den sie interviewt hat, sagte Tschentrifizierung. Im Englischunterricht in der Berufsschule hätte ich dieses Wort noch nie gehört. Und trotzdem würde ich denken, man spräche es mit «tsch» aus, das passt einfach besser. Schliesslich werden nicht nur Quartiere aufgewertet, sondern auch die Sprache. Auch sie wird gentrifiziert. Während von fern die Schweine schreien, würde ich mich fragen, warum zum Teufel die Studenten und Urbanen, diese Yuppies und Yolos, die Randständigen aus ihren günstigen Wohnungen vertreiben. Ich würde mich fragen, warum sie in den Städten Quartier um Quartier das Leben aushauchen, bis nichts mehr da ist. Vielleicht hätte ich darauf eine Antwort. Doch in diesem Moment würde ich spüren, wie es langsam heiss wird auf meinem Liegestuhl. Die Abendsonne hat auch im August noch eine unglaubliche Kraft, würde ich denken. Die Brissago ginge aus. Ich würde sie auf den Kompost werfen und ins Haus gehen, in dem es nach Tier und Heu riecht.

Aber nein, ich sitze in meiner aufgewerteten Hütte im Kreis 4, dem ehemaligen Skandalhaus, und frage mich, ob es stimmt, was sie sagen. Dass ich ein Teil der Gentrifizierung bin, wenn ich weiss, was das bedeutet. Während ich darüber nachdenke und weiter lumpigen Kaffee aus der Bialetti in mich hineinschütte, schweife ich ab. Ohne eine Antwort auf irgendetwas zu haben, verlasse ich das Haus und bestell mir an der schäbigen Imbissbude im Bermudadreieck eine Currywurst. Schon geil hier, denke ich. Würde nur endlich jemand was gegen die verdammten Dealer unternehmen.

 

Florian Schoop, studiert Germanistik im Master und schreibt nebenbei für die NZZ und die Zürcher Studierendenzeitung (ZS).

 

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eine perspektive

 

Das ist natürlich ein Missverständnis. Sich bei der Stadt zu beschweren wäre unsinnig, denn bei der Gentrifizierung handelt es sich um das neuste Präventionsprogramm gegen Fettleibigkeit: Haltet das Volk in Bewegung!

Ein Präventionsprogramm, übrigens, des Bundesamtes für Gesundheit. Dass Herr Werder, der diese Gentrifizierung so vehement verteidigt, also auch bei diesem Bundesamt zu arbeiten scheint, wo er als Liberaler doch gegen den Staat ist, überrascht mich positiv – auch wenn ich es nicht verstehe.

Aber wer versteht sie schon alle, die Leute. – GEN-tes: Das sind die Leute, Frau Trede, und um diese geht es doch, nicht? Bekennen sie sich also zu den Leuten und zwar zu allen, statt ihre kleine Idylle zu pflegen! In Ihren Angaben zur Person steht schliesslich, dass Sie über Politik schreiben würden: Ist Biedermeiertum auch Politik oder sind Sie am Ende doch zu den Rechten übergelaufen? Seit Ecopop weiss man bei den Grünen ja nicht mehr so genau…

Klärend ist dagegen, dass man von Hans Reiser endlich einmal erfährt, woher das Wort Gentrifizierung eigentlich kommt. Ladies and Gents, that’d be you! Gentry: Gehobenes Bürgertum und niederer Adel.

Erleichternd ist auch, dass die Spinnerei endlich ihrem Namen gerecht werden kann: Dafür musste sie auch dreissig Jahre leer stehen. Aber ein bisschen crazy zu sein, ist heute ja auch in, nicht wahr, du gefesselter und geknebelter Zettelschreiber? Ob es ihn überhaupt je gegeben hat, den Fetischisten? Wunderbare Fiktion, grossartige Weltliteratur.

Immer noch besser als diese hübschen literarischen Beiträge zwischendurch: Besonders dann, wenn die Ho?nung durch ein unscheinbares Fragezeichens in Frage gestellt wird. Wer das wohl zu verantworten hat? Ist das Kunst, hat das einen tieferen Sinn oder… Vielleicht ist das ja ganz treffend: Hoffnungslos ist die Sache mit der Gentrifizierung auf jeden Fall, mystische Erlebnisse beim Hören von Taubengesängen hin oder her.

Hätten sich der Literat und der Gemanistikstudi doch früher getroffen. So wäre da noch etwas möglich gewesen. Eine fundierte Analyse semiotischer Art vielleicht. – Eine Brissago jedenfalls wirft man sicher nicht auf den Kompost, da sie ein Mundstück aus Plastik hat. Heutzutage verwendet man wohl kaum mehr Strohhalme dazu. Als KfZ-Mechaniker mit Biobauernhof in Illnau wäre der Schoop mir lieber gewesen.

Dafür: Ein Dialog mit einem Haus, das ist immerhin einmal eine Idee. Chapeau, der Herr – aber er ist ja auch kein Germanist. Obwohl: Der Dialog bleibt dann inhaltlich doch beim altbekannten same, same but different. Wie fühlt sich denn so ein Haus? Wo bleiben die juicy bits?

Herrlich – fast wie der Witz. Klopft einer beim Uhu an die Tür, öffnet der Hai. «Isch dä Uhu dähai» – «Nei: Ich bi dä Hai.» Einfach toll. Gentrification, Gendrification, Goldfisch, Schnecke, Goldfisch im Schneckenhäuschen. Landschnecke im Aquarium. Berührungsängste oder nicht: Alles Gold. Kurz und bündig.

Und dann wird‘s plötzlich doch noch lang, lang, lang… Über drei Seiten hinweg endlich einmal der Versuch einer investigativen Reportage. Yes! Das nenne ich doch einen Gewinn und wirklich eine neue Perspektive oder eben einen Perspektivwechsel (Allerdings ist dieses Wort gemäss Duden eher selten, vielleicht altmodisch, und ein Perspektiv ein Fernrohr. Lustig sich vorzustellen, wie die Reporterinnen im koscheren Supermarkt unterschiedliche Fernrohre testen. Verkaufen die dort auch sowas?).

Und dann bleibt’s lang. Schon wieder drei Seiten. Langer Rede kurzer Sinn: Weltstaat und folglich world peace. Endlich einmal. Danke, Fionn Meier. Oder habe ich das missverstanden und die Sache wäre doch eher anthroposophisch anzugehen?

Einiges missverstanden hat wohl auch Kata. Kata, Kata, Kata… Ob die Triade RAV-Sozialamt-Universität Zürich wirklich Produzentin von Arbeitslosigkeit und Armut ist? Fakt ist aber: Auch im Lande Schweiz wäre trotz Idylle noch einiges besser zu machen, nicht wahr Frau Trede?

Denn wir stehen bestenfalls an der Pforte zum Himmel und werden wohl noch lange klopfen müssen. Daher: Knockin‘ on Heaven‘s Door als Percussionversion. Klopf nur weiter Djembeman – einfach herrlich, lieber Laurin, einfach herrlich. Fast so gut wie Rolandsky, wenn du nur den Liedtitel richtig geschrieben hättest. So mit zwei Apostrophen und Grossbuchstaben und so…

 

Mit herzlichen Grüssen

F. S., Der Biobauer vom Bubenberg, 8890 Flums

 

P.S. «Ging es in dieser Ausgabe tatsächlich nie um Sex?» – «Nein, nein, da war doch dieser Fetischist.»