Scheiss Technik! - wir haben den Link verbockt
Sackgasse - hast du den Link richtig geschrieben?
du kannst zu Homepage

UNSERE NEUSTEN ARTIKEL

0

Vorab eine (polemische) Kurzcharakteristik der mittelalterlichen Theologie: Der Mensch wird als ein Geschöpf Gottes angesehen. Als Wahrheit wird allein anerkannt, was im Buch der Offenbarung steht, und was die Herde tun soll, wird vom Hirte bestimmt. Jegliches selbständige Denken, Erkennen und Handeln wird geächtet und mit dem Scheiterhaufen bestraft (Kopernikus und Galilei konnten diesem Schicksal zwar geschickt entkommen, Giordano Bruno hingegen musste für sein selbständiges Streben nach Erkenntnis mit seinem Leben bezahlen.). Kurz gefasst: Das selbständige Erkennen der Wahrheit und die Entwicklung der menschlichen Individualität sind des Teufels.

Gut, dass wir das Mittelalter hinter uns haben! Wir leben heute, nach dem Zeitalter des Glaubens, im Zeitalter des Wissens, in dem es, nach Nietzsche, unanständig ist, Christ zu sein. Das Buch der Offenbarung ist ausgetauscht worden mit der empirischen Erfahrung. Wahr ist nicht mehr, was in der Bibel steht, sondern was gemessen, gewägt und gezählt werden kann. Doch wie steht die heutige Universität, die das Monopol der mittelalterlichen Kirche, die Welt zu erklären, übernommen hat, zum selbständigen Erkennen der Wahrheit und der Entwicklung der menschlichen Individualität?

Die Erfolgsgeschichte der Statistik hat dazu geführt, dass das menschliche Individuum immer mehr durch die Masse ersetzt worden ist. Man weiss heute zwar immer mehr über die Stadtbewohner, die Landbewohner, über die Mittel- Ober- und Unterschicht, über alleinerziehende Mütter, über die Kinder der alleinerziehenden Mütter, und so weiter, und so fort – doch was versteht man deswegen von einem Leonardo da Vinci, einem Wladimir Solowjew oder Max Stirner? Nichts! Auch nicht von Interesse, da in der Statistik: Nicht Signifikant. Die Vernachlässigung des Individuums durch die Statistik kann jedoch als eine Folgewirkung einer tiefer liegenden Ursache angesehen werden: Dem an den heutigen Universitäten vorherrschenden naturwissenschaftlichen Weltbild. Jemand, dem es als Verdienst hoch angerechnet werden sollte, dieses von den heutigen Universitäten vertretene Weltbild ernst zu nehmen und dessen Konsequenzen unverblümt auszusprechen, ist der in Mainz lehrende Professor Thomas Metzinger. Zwei kleine Kostproben aus seinem 2009 erschienen Buch «Der Egotunnel»:

“Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen glauben, war oder hatte niemand je ein Selbst. Es ist aber nicht nur so, dass die moderne Philosophie des Geistes und die kognitive Neurowissenschaft im Begriff stehen, den Mythos des Selbst zu zertrümmern. Vielmehr ist mittlerweile auch deutlich geworden, dass wir das philosophische Rätsel des Bewusstseins – die Frage, wie es jemals auf einer rein physikalischen Grundlage des menschlichen Gehirns entstehen konnte – niemals lösen werden, wenn wir uns nicht direkt mit der folgenden, ganz einfachen Erkenntnis konfrontieren: Nach allem, was wir gegenwärtig wissen, gibt es kein Ding, keine einzelne unteilbare Entität, die wir selbst sind, weder im Gehirn noch in irgendeiner metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt.”

Und weiter: “Neurowissenschaftler sprechen gerne von »Handlungszielen«, Vorgängen der »motorischen Selektion« und der »Bewegungsspezifikation« im Gehirn. Als Philosoph (und mit allem gebotenen Respekt) muss ich sagen, dass dies letztlich begrifflicher Unsinn ist. Wenn man das naturwissenschaftliche Weltbild ernst nimmt, dann existiert so etwas wie »Ziele« nicht, und es gibt auch niemanden, der eine Handlung auswählt oder spezifiziert. Es gibt überhaupt keinen Vorgang der »Auswahl«. Alles, was wir in Wirklichkeit haben, ist dynamische Selbstorganisation. Dieser Vorgang als solcher hat nicht nur kein Ziel, er ist auch völlig ich–frei.”

Eine ich-freie Individualität ist ein unmöglicher Begriff. Ohne Ich ist es unmöglich ernsthaft von einer menschlichen Individualität zu sprechen. Die meist implizite, bei Metzinger jedoch explizit dargestellte Kampfansage der heutigen Universität an das menschliche Ich ist daher in bester mittelalterlicher Tradition. Es gibt heute zwar keine Scheiterhaufen mehr, man kann daher weiterhin den »wissenschaftlichen Unsinn« behaupten, man habe ein Ich, ohne von der Universität verbrannt zu  werden. Aber aufgepasst, es ist nicht auszuschliessen, dass in absehbarer Zukunft in Talkshows darüber debattiert wird, ob man nun doch ein Ich habe oder nicht, worauf der Experte freundlich darauf hinweist, dass das Ich, zwar eine evolutionär notwendige, nichtsdestotrotz, nach aller modernsten Erkenntnis der Physik und Psychologie, eine Illusion sei. Er beteuert, dass er dies bedaure, dass aber die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaft auch ihre Vorteile haben, könne man doch mit den heutigen Mitteln diejenigen, die ab der Vorstellung, bloss ein vom Affen abstammender, ichloser Menschenkörper zu sein, in Depression zu verfallen drohen, mit allerlei Medikamenten zu mehr Glücksgefühlen verhelfen, als dies je in der Menschheitsgeschichte möglich war.

Soweit zur gemeinsamen Kampfansage der mittelalterlichen Theologie und der modernen Universität an die menschliche Individualität. Doch wie steht es um das selbständige Erkennen der Wahrheit? Hier erübrigt sich eine Kostprobe. Jeder halbwegs Studierte kennt das Mantra der heutigen Universität, dass man eine Hypothese (Idee) nur falsifizieren, jedoch niemals verifizieren könne. Ein Wissenschaftler mit dem Anspruch, nicht nur eine Hypothese zu vertreten, sondern eine Wahrheit erkannt zu haben, läuft allenfalls in Gefahr, von der universitären Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Individualität und selbständiges Erkennen der Wahrheit sind, in bester mittelalterlicher Tradition, auch an den heutigen Universitäten ­– des Teufels! Eine Tatsache, die Karl Ballmer (in «Wissenschaft», 1946) wie folgt zusammenfasst: “Wer von der »modernen Physik« seinen »neuen« Wissenschaftsbegriff meint beziehen zu sollen, der sollte erst einmal über die Methodengleichheit des Theologen und des Physikers ein wenig nachdenken – und über den bösartigen Antihumanismus dieser beiden Vertreter des »christlichen Abendlandes«.

Schauen wir uns diese Methodengleichheit des Physikers und des Theologen mit Hilfe von Karl Ballmer, einem der schärfsten Denker des 20. Jahrhunderts, ein wenig genauer an. Ballmer stellt fest, dass sowohl der Physiker, wie auch der Theologe, sein System auf der Grundüberzeugung aufbaut, dass das Reale (das Sein, oder «Gott») ein völlig ausserhalb des menschlichen Innenwesens Stehendes sei. Was ist damit gemeint? Wenn wir den Physiker fragen, was Farbe sei, erzählt er uns etwas von elektromagnetischen Schwingungen. Der Physiker vertheoretisiert die erlebte Farbe zu einer nicht erlebbaren hypothetischen Schwingung.  Diese Schwingung gilt als objektiv und real, während die Farbe zur subjektiven Vorstellung deklassiert wird. Metzinger versucht dieses Weltbild dem Laienpublikum wie folgt zu erklären: “Es ist anfänglich vielleicht beunruhigend, zu entdecken, dass es vor unseren Augen keine Farben gibt. Das zarte aprikosenfarbene Rosa der untergehenden Sonne ist keine Eigenschaft des Abendhimmels; es ist eine Eigenschaft des inneren Modells des Abendhimmels, eines Modells, das durch unser Gehirn erzeugt wird. Der Abendhimmel ist farblos. In der Aussenwelt gibt es überhaupt keine farbigen Gegenstände. Es ist alles genau so, wie es uns schon der Physiklehrer in der Schule gesagt hat: Da draussen, vor ihren Augen, gibt es nur einen Ozean aus elektromagnetischer Strahlung, eine wild wogende Mischung verschiedener Wellenlängen.” Im Weltbild des Physikers existiert anstatt der erlebten Farbe Rot nur die elektromagnetische Schwingung mit einer Wellenlänge von 790-630 nm. Der Physiker schliesst das Innenwesen des Menschen aus seinem Weltbild aus und setzt an die Stelle, wo die Innenwelt zu stehen hätte, eine Hypothese. Genau gleich verfährt, so die Analyse Ballmers, auch der Theologe. Auch dieser stellt an der Stelle, wo die erlebten Innenerlebnisse des Menschen zu stehen hätten, ein ausserhalb des Menschen existierendes reales Etwas, das er als Gott bezeichnet. Das tragende Reale, beim Physiker wie beim Theologen, ist etwas, was nicht von den Innenerlebnissen des Menschen konstituiert wird.

Wird das tragende Reale in den allmächtigen Gott gesetzt, so lässt sich zumindest die Annahme treffen, dass Gott ein Tröpfchen »Ich« in die Menschengeschöpfe induziert. Wird das tragende Reale hingegen als ein »Ozean aus elektromagnetischer Strahlung« betrachtet, und die Wahrnehmung von Wärme, Geruch, Farbe, Ton, etc. als subjektive Erscheinung deklassiert, welcher keinen eigentlichen  Realitätsgehalt zukommt, so kann auch das »Ich« nur als eine Illusion betrachtet werden, das der Hypothese »Ozean aus elektromagnetischer Strahlung« zum Opfer gebracht werden muss.

Für alle diejenigen, die an dieser Stelle ab diesen sonderlichen Gedanken nicht kopfschüttelnd zum Bier greifen und allesamt, die Philosophen, Physiker und auch die Theologen, zum Teufel wünschen, oder sich ihres Ich’s schon dadurch vergewissert glauben, dass sie ihre Meinung – pardon Urteil – über Müll & Trash uneingeschränkt im virtuellen Raum kundtun können, sondern sowohl ihr Ich, als auch das naturwissenschaftliche Weltbild, ernst nehmen, lässt sich folgender Ausblick eröffnen: Trotz dem klaffenden Abgrund zwischen der Weltanschauung Ballmers und Metzingers ist eine zukünftige Versöhnung dieser beiden Weltanschauungen nicht auszuschliessen; stimmt doch Ballmer der Analyse von Metzinger, dass es eine unteilbare Entität »Ich« weder im menschlichen Gehirn noch in einer metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt gibt, und dass der Begriff der »motorischen Selektion« ein grober Unfug ist, vollumfänglich zu! (Siehe Ballmers Schrift: «Briefwechsel über die motorischen Nerven»).

In der Weltanschauung Ballmers kommt jedoch die Hypothese «Ozean aus elektromagnetischer Strahlung» als das tragende Reale ebensowenig in Frage wie die Hypothese «Gott». Wenn aber die Grundpfeiler der modernen Physik und der Theologie als das tragende Reale nicht in Frage kommen, was ist dann tragende Realität? – – – Im Sinne Ballmers ist diese Frage identisch mit der Frage nach dem Ursprung des Ich. Metzinger schafft das Ich ab, es hat keinen Platz in seinem Weltbild. Ballmer hingegen fordert das Abendland zur Redlichkeit auf, endlich die tradierte aristotelische Seele – von der die Theorie des «Selbstmodells» von Metzinger nur eine moderne Variation ist! – zu überwinden, indem als das Erstsubjekt der Sinneswahrnehmung die Welt selbst anerkannt wird. Dadurch ergibt sich eine Existenzmöglichkeit des Ich in und durch die Sinneswahrnehmung. In Ballmers eigenen, kristallklaren Worten: “Nicht die aristotelische »Seele« (der Meier, Müller, Huber) ist Subjekt der Sinnestätigkeit; Erstsubjekt der Sinneswahrnehmung ist die Welt selbst, der persönliche Gott und Tod in den wir sogenannten Menschen als Subjekte der Sinneswahrnehmung nur »eingeschaltet« sind, indem wir aus dem Können des Todes in jeder einzelnen Sinneswahrnehmung aus dem Tode zum »Leben« erstehen, wobei auch unser soidisant »Ich« mitentsteht. Die Sinneswahrnehmung ist nicht eine »Mitteilung« der Welt an Bürgersleute, sondern ist das Verhältnis der Welt zu sich selbst, in das die Bürgersleute nur eingeschaltet sind. Es wird ein Fortschritt des 20. Jahrhunderts sein, wenn man das Problem der »Urzeugung« als die Frage der Entstehung von »Ich« und »Seele« – in der Sinneswahrnehmung! – diagnostiziert.” (Ballmer, «Problem der Physik», S. 4)

Ballmer betrachtet die Subjektivität nicht als ein Problem der Philosophie, der Psychologie, oder der Biologie, sondern als ein Problem der Physik. Er vollzieht eine kopernikanische Wende, neben der die Wende des Kopernikus bloss ein blasser Schatten ist. Er überwindet damit den diagnostizierten Antihumanismus, erschüttert dadurch jedoch die Grundfesten der theologischen, der naturwissenschaftlichen, wie aber auch der relativistischen Weltanschauung. Dass eine solche Weltanschauung nichtsdestotrotz vorerst auf wenig Anklang stösst, ist daher so sicher wie das Amen in der Kirche, die Impulserhaltung der Physik und die Talkshows im Fernsehen.

Literatur:
Ballmer, K. (1953) Briefwechsel über die motorischen Nerven. Besazio: Verlag Fornasella

Ballmer, K. (1996) «Wissenschaft». Besazio: Verlag Fornasella

Ballmer, K. (2002) Problem der Physik. Besazio: Verlag Fornasella

Metzinger, T. (2009) Der Egotunnel. Berlin: Berlin Verlag GmbH

 

Text: Fionn Meier, studiert VWL an der Uni Fribourg. Interesse: Philosophie, Geschichte und ‘Associative Economics’.

0

eine perspektive

 

Liebe Redaktion, liebe Schreibende

Scheitern! – Was für ein Thema. Eine Bemerkung vorab: Muss denn eine Ausgabe, die das Scheitern thematisiert, auch selbst scheitern? Zumindest scheint die Layout-Abteilung das gedacht zu haben, als sie das Cover entwarf. Und dann setzt das Editorial noch einen drauf und findet es toll, sollten die Leserinnen und Leser auch das Editorial für gescheitert erklären. Die Forderung also nach einem Leserbrief. Voilà. Ach, und ja: gescheitert!

Entre parenthèses:  Im Sinne eines realitätsnahen Journalismus wäre ich ab jetzt dafür, nur noch die wirklichkeitsbezogenen Statements des PersonenWagens abzudrucken: „Es gibt Menschen, die zur Eigenverantwortung nicht befähigt wurden und nicht befähigt werden können, und denen müssen wir helfen.“ – Damit wäre dann alles gesagt. (Dafür gäbe es mehr Raum für einen echten (Jung)Unternehmer wie Marcus Kuhn. – Nudge, nudge, wink, wink – know what I mean? – Und ja: Negative Forschungsresultate. Die Antwort folgt wenige Seiten später: Nach dir, werter Fionn, wäre die heutige Wissenschaft vielleicht eine einzige Ansammlung von negativen Resultaten. Grossartig. Ich bin dafür: Statt an den Börsen mehr wilde Spekulation an den Universitäten!)

Aber zurück zum Thema und dieser unseligen Voraussetzung des Scheiterns. Gleich der erste Artikel beginnt mit einem Verweis auf sein mögliches Scheitern. Hurrah! Aber vielleicht ist das auch eine kleine Schweizer Nationalneurose: Stapeln wir doch möglichst tief. – Also auch den Scheiterhaufen nicht zu hoch. Denn bei diesem Text gibt es ausser dem ersten Satz nichts zu verbrennen: Eine Kolumne im besten Sinn. Ich lese sie als zeitgemässen Heiratsantrag, liebste Tamara.

Und dann? – Es stellt eine abgründige Schwierigkeit dar, in einer Kritik einen Text mit Schweigen zu bestrafen. Deshalb flehe ich: Bitte, mein herzallerliebster Dominik (und vielleicht tust du dich bei dieser Gelegenheit mit dem glatzköpfigen Pascal zusammen, damit da auch noch was geht), bemühe dich beim nächsten Mal, „schliesslich ist es nur eine Frage der Übung.“ Vielleicht wird das aber auch nie besser, wenn ich mich an deine anderen Texte erinnere. Aber zugegeben, du hattest es diesmal unmittelbar nach Tamaras Vorgabe auch schwer. Vielleicht tut dir die Redaktion beim nächsten Mal einen Gefallen und achtet besser auf die Zusammenstellung der Texte.

Selina, du hingegen konntest dich auf die Redaktion verlassen. Durch die graphische Anordnung deines Textes kommt die ganze Rührseligkeit wenigstens nicht noch wie ein Gedicht daher, obwohl das zur Unverständlichkeit passen würde: Sind wir jetzt schwach oder sind wir stark? Ich versteh ihn nicht, diesen Quark.

Und euch liebe Maybes, Fabienne-Laura, Sabine und Carl Joseph (was für ein Name, direkt aus der k. u. k. Doppelmonarchie), empfehle ich die Gründung einer Selbsthilfegruppe. Dort könntet ihr euch gegenseitig vom selbstinduzierten und fremdinduzierten, ach so persönlichen Scheitern erzählen. Woran seid ihr denn eigentlich gescheitert? Das Zeug einmal auf den Tisch, statt nur Yolo: Das isch ebä s’Problem, i dem Läbe – drininä…!!! Oder: Das Ausbreiten von Allgemeinplätzen. Vielleicht würde sich dann unsere liebe Aline Trede mit ihrem Gerede vom Mut und ihren Durchhalteparolen freundlicherweise bereit erklären, die Leitung zu übernehmen.

Prosit Neujahr! Euer geneigter Leser

Franz Joseph

P.S. Ich schlage einen anderen Liedhinweis vor: „Love really bores me.“ (White Stripes) Dieses Liebesgesülze macht mich krank. Dreimal dieselbe Leier. Julia und Katharina, dann macht’s wenigstens wie Laurin, zuckt mit den Schultern und baut noch einen Joint, wenn’s sein muss. – Aber: Endlich einmal Liebe statt Sex.

0

Wenn ich diese Frage höre, warum hast du so verdammt schiss davor zu scheitern?! Kommen mir als Politikerin als erstes die Nationalratswahlen im 2015 in den Sinn. Weil es ist das erste Mal in meinem Leben der Fall, dass ich Angst habe zu scheitern. Ich habe mir vorgenommen, dass ich diese ganze Frage easy nehme. Denn ich habe noch viele Pläne in meinem Leben, welche ich umsetzen möchte und ich bin ja noch jung…

Ich habe mich bemüht, mich diesem Stress, welcher im Parlament bereits heute herrscht, zu entziehen. Aber ich schaffe es nicht! Bereits ein Jahr vor den Wahlen sind einige so stark am hypern, dass sie mich mitreissen. Und natürlich sind es die, die in kleinen Parteien sind oder die, die in einem Kanton wohnen, welche einen Sitz an Kantone verlieren, welche ein grösseres Bevölkerungswachstum haben und deshalb die Sitze erhalten. Lange habe ich cool gelächelt, wenn mir jemand gesagt hast, du hast ja einen Wackelsitz, nicht? Heute sage ich noch zerknirscht, ja ich weiss – trotzdem, es hilft mir auch. Es fördert meinen Kampfeswillen, ich weiss, dass ich kämpfen muss, aber ich weiss auch, dass ich es kann. Und ich weiss ganz genau, dass ich mehrere Pläne B habe, wenn es nicht funktionieren sollte.

Der Punkt ist jedoch auch ein gesellschaftlicher. Warum haben wir so Angst davor zu scheitern? Weil in unserer Gesellschaft scheitern verachtet wird und nicht als unternehmensfreudig angeschaut wird. Wenn jemand versagt, heisst es nicht, wow, das war jetzt aber mutig. Nein es heisst, ha, hesch gseh, scho wider vrseit! Solange sich das nicht ändert wird wohl auch der Innovationsgeist der Schweiz nicht zurückkommen. Denn wer nichts riskiert, kann auch nichts gewinnen.

Ich habe Schiss davor zu scheitern. Aber es hält mich nicht davon ab, trotzdem noch weiteres zu wagen. Auch wenn es manchmal etwas Überwindung und Mut braucht.

0

In einigen Monaten werde ich 29 Jahre alt sein und in mir macht sich langsam das ungute Gefühl breit, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Ich habe in jüngster Zeit vermehrt über mein Leben nachgedacht und mich immer mal wieder gefragt, was mir das vergangene Jahrzehnt so gebracht hat. Nun ja, ich habe das Gymnasium abgeschlossen und so gut wie nichts aus dem Zwischenjahr gemacht. Ich habe ein Studium aufgenommen und es wieder abgebrochen. Ich habe ein anderes Studium aufgenommen und es bis jetzt durchgezogen. Ich bin mit Freunden nach Wiedikon gezogen, aber habe an der Uni so gut wie niemanden kennengelernt. Ich habe ein halbes Jahr im Ausland studiert und war dabei in Gedanken viel zu oft woanders. Ich studiere nun in der Romandie, aber vermisse Zürich, die Langstrasse und den Exzess.

Im Grossen und Ganzen war das Jahrzehnt okay. Es hätte mich bestimmt schlechter treffen können und immerhin trage ich den Titel eines Bachelor of Arsch. Aber abgesehen von dem – es fühlt sich trotzdem ein wenig gescheitert an. Wenn ich dieses Lebensjahrzehnt einmal mit dem Klischee vergleiche, dann fehlt da der Sprachaufenthalt in den USA oder in Südamerika; dann war ich an zu wenigen wilden WG-Partys und dann hatte ich zu wenige Affären. Stattdessen war da zu viel Wankelmut, zu viel Arbeit und zu viel Melancholie. Und jetzt, wo ich vor einem neuen Lebensjahrzehnt stehe, habe ich Angst vor dem Scheitern. Ich habe Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen; den falschen Beruf zu ergreifen; mich in die falsche Person zu verlieben und später gemeinsam einsam zu sein. Ich fürchte mich davor, mich zu entscheiden; mich festzulegen. Ich bin ein Maybe. Die Möglichkeit des Scheiterns wirft einen langem Schatten auf alles Mögliche. Und mit Scheitern meine ich nicht etwa das Durchfallen bei der Autoprüfung, weil man noch zu viel Restalkohol im Blut hatte oder der Ausschluss vom Studium der mittellateinischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Ich spreche vom Scheitern im Leben und das Scheitern im Leben ist deshalb so schlimm, weil YOLO! Man kann im Leben nicht einfach auf die Rewind-Taste drücken und alle Fehler ungeschehen machen. Letzten Endes besteht immer die Möglichkeit des ultimativen Scheiterns und zumeist bemerkt man lange Zeit nicht oder ignoriert, dass man sich auf dem besten Weg dorthin befindet.

Andererseits verweist die Idee eines «gescheiterten» Lebens aber auch auf die Frage nach dem «richtigen» Leben. Wie sieht ein richtig gelebtes Leben aus? Der Gedanke mag banal anmuten, aber was ein «richtig gelebtes Leben» ist, hängt von gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen ab. Die Angst vor dem Scheitern kann also auch als Angst vor dem Urteil der Anderen verstanden werden und wer sich vom Urteil der Gesellschaft zu lösen vermag, ist so gut wie sorglos, richtig? Doch wer ausser vielleicht ein Verrückter vermag sich dem Urteil der Gesellschaft zu entziehen? Und wenn Icona Pop «I don’t care, I love it» singen, dann glaube ich ihnen dies schlichtweg nicht. Menschen können sich dem Urteil ihrer Mitmenschen nicht einfach so entziehen; selbst der Stadelhofen-Punk stellt da keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil spürt jener das Urteil der Anderen noch viel schwerer auf sich lasten. Die symbolische Gewalt die ihm hierdurch widerfährt, ruft in ihm verständlicherweise eine aggressive Ablehnung aller bürgerlichen Wert- und Normvorstellungen hervor. So gesehen kann Flucht vor dem Urteil der Gesellschaft auch keine Lösung sein.

Was aber dann? Wie sollen wir mit der Möglichkeit des ultimativen Scheiterns umgehen? Nun, wir sind nicht die ersten, die sich mit solchen Fragen herumschlagen; schon etliche Jahre vor unserer Zeit gab es kluge Köpfe, die sich ganz ähnliche Gedanken machten. So glaube ich, dass wir auch heute noch viel von gewissen antiken Philosophen lernen können. Die Stoiker strebten zum Beispiel danach, allen vom Schicksal an sie herangetragenen Übel in «stoischer Ruhe» zu trotzen. Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Kontrolle über unsere Leidenschaften und Affekte, die zu Selbstgenügsamkeit und schliesslich zu Unerschütterlichkeit führen soll. Bei Seneca finden sich folgende Zeilen:

«Schmerz fühlt der aufrechte Mann allerdings auch; denn keinerlei gute Haltung kann die natürliche Empfindung abschwächen; doch er fürchtet ihn nicht; ungebeugt blickt er auf seine Schmerzen hinab.» (S. 152)

Für manchen Leser mag eine solche Aussage lächerlich anmuten – sie ist voller Pathos und dieser wiederum lässt uns an den Faschismus und die dunkelsten Momente der Menschheit denken. Vielleicht ist dies auch mitunter ein Grund dafür, warum wir die Tugend der Tapferkeit in die Abstellkammer der Geschichte verbannt haben. Ich persönlich wurde mit dem Ideal des emotionalen Mannes gross. Wie oft habe ich wohl schon Sätze gelesen à la «vielen Männern wurde bereits von Kindheit an gelernt, das starke Geschlecht zu sein». Solche Sätze waren dann mit der Aufforderung verbunden, Gefühle zuzulassen und Emotionen zu zeigen. Was dies angeht, war ich bestimmt ein gelehriger Schüler. Doch bei alledem geht vergessen, dass es auch ein Zuviel an Emotionen geben kann – dann nämlich, wenn sie unser Leben zu beeinträchtigen beginnen. Was aber ist Angst vor dem Scheitern, wenn nicht ein Gefühl, eine Emotion? Befragen wir wiederum Seneca:

«Für den Toren gibt es nirgends Ruhe. Über ihm und unter ihm lauert das, was ihm Furcht bereitet. Nach allen Seiten ist er in Angst. Gefahren folgen ihm und begegnen ihm. Vor allem hat er Furcht; denn er ist ungerüstet … Der Weise dagegen ist auf jeden Angriff gerüstet und gefasst; mag Armut, mag Kummer, mag Schmach, mag Schmerz auf ihn eindringen, er weicht nicht zurück. Unerschrocken geht er allem entgegen und geht hindurch.» (S. 142)

Und weiter:

«Du wirst aufhören, Furcht zu haben, wenn Du aufhören wirst zu hoffen; denn die Furcht begleitet die Hoffnung.» (S. 134)

Es macht Sinn, dass, wenn wir uns für unser Leben nichts Grossartiges erhoffen, wir dann auch nicht grossartig daran scheitern können. Doch wer von uns erhofft sich denn schon nichts Grossartiges von seinem oder ihrem Leben? Die Werbung verspricht uns schliesslich täglich, dass unser Leben grossartig sein wird und das Einzige, das wir dafür tun müssen, ist uns ein Axe-Deo zu kaufen, in Nike-Schuhen zu rennen, das Horizon Plus Combi-Abo zu besitzen, uns bei Helsana zu versichern, unser (nicht-versteuertes) Geld bei der Notenstein Privatbank anzulegen, einen BMW zu fahren, Schweizer Fleisch zu essen, mit Swiss zu fliegen und mit Gilbert Gress Weihnachtslieder zu singen. Es scheint einfach zu sein, ist es bekanntlich aber nicht.

Das Thema dieser Ausgabe lautet: «Warum hast du so verdammt Schiss vor dem Scheitern?» Nun, meine Antwort ist: weil ich mir von meinem Leben etwas erhoffe bzw. zu viel erhoffe und schliesslich fürchte ich mich davor, dass es vom kleinen Scheitern nur ein Schritt zum grossen Scheitern ist, sprich dem gescheiterten Leben. Ich habe, um ehrlich zu sein, kein Patentrezept für den schmerzlosen Umgang mit dem Scheitern. Zu lernen, das Scheitern und den Schmerz wie ein Stoiker zu begrüssen und zu ertragen, scheint mir jedoch einen Versuch wert zu sein.

Seneca, Annaeus L. (2009). Vom glückseligen Leben und andere Schriften. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 7790.

Text: Carl Joseph Trotta (28), Neuchâtel

0

Marcus Kuhn ist mit seinem Startup gescheitert. Er ist Mitgründer der Failcon, eine Konferenz welche sich dem Scheitern von Unternehmen widmet. Damit versucht er auf das Positive der Misserfolge hinzuweisen. Wir haben mit Marcus Kuhn über die Angst vor dem Scheitern gesprochen.

Sie sind 2012 mit dem Start-up «Connexio» gescheitert. Sechs Personen haben Ihre Stelle verloren. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als klar wurde, dass Ihr Startup scheitern wird?
Der Moment der Entscheidung ist eine Erleichterung. Sehr schwierig sind die Monate davor. Man kämpft – will es nicht wahrhaben. Als ich die Entscheidung traf das Unternehmen zu schliessen, wusste ich wenigstens, wohin es gehen soll. Das Schwierigste war es, die Mitarbeiter zu entlassen. Ich habe persönlich für alle Mitarbeiter Anschlussjobs gesucht. Innerhalb von zwei Wochen hatten alle einen neuen Job. Abgesehen von meinen Mitgründer und mir.

Die Krise ist aber nicht von heute auf morgen gekommen?
Der ganze Weg hin zu dieser Entscheidung war enorm schwer. Aber ich glaubte bis zum Moment der Entscheidung an eine positive Wende. Zwei Tage vor dem Ende haben wir noch eine Kampagne gestartet. Das hätten wir niemals gemacht, wenn wir das Ende als unabwendbar gesehen hätten.

Haben Sie sich vor der Firmengründung und Krise schon Gedanken darüber gemacht, was passiert wenn Sie scheitern? Hatten Sie Angst davor?
Ja und nein. Als Jungunternehmer hat man nicht eine Krise, wir hatten mit dem Startup zwei Nahtod-Erlebnisse. Das dritte war dann ein Volltod-Erlebnis. Dieses nahe am Abgrund stehen ist für ein Start-up normal. Als Gründer hast du aber oft eine wichtige und spezielle Eigenschaft: Deine Wahrnehmung wird extrem selektiv und du ignorierst die Angst davor. Man ist dann naiv. Aber es gibt Schlimmeres als mit seinem Start-up zu scheitern.

Zum Beispiel?
Einen regulären Job anzunehmen. Ein Anstellungsverhältnis ist nichts für mich.

Was genau assoziieren Sie mit dem Begriff scheitern?
Man muss unterscheiden: Scheitere ich als Person oder scheitert das Unternehmen? Ich habe das Scheitern nicht mit mir als Person verknüpft. Es gibt da zuviele miteintscheidenden Faktoren. Klar, auch ich als Person muss mich verbessern. Im Nachhinein sehe ich dutzende Dinge, die ich falsch gemacht habe. Aber im Gegensatz zum Unternehmen kann ich es einfach nochmals probieren.

Sie haben einmal gesagt, dass der Schweiz eine Fehlerkultur fehlt und dass Scheitern durchaus positiv gesehen werden kann. Wie meinen Sie das?
Etablierte Statistiken belegen, nur circa eines von dreizehn Start-ups hat Erfolg. Das ist normal so. Die zwölf gescheiterten Start-ups gehören dazu. Die sind wichtig für Innovationen. Versucht man jedoch Unternehmungen ohne Erfolgsaussichten weiter am Leben zu erhalten, dann ist es problematisch. Dort werden extrem viele Ressourcen unnötig gebunden. In der Schweiz wird tendenziell zu lange am Unternehmen festgehalten.

Was läuft denn falsch in der Schweizer Innovations-Szene?
Es wird zu engstirnig gedacht. Wir sind in einem kleinen Land mit einem kleinen Markt. Aber es wird eben auch so klein gedacht. Das ist ein grosses Problem.

Woher kommt diese Eigenheit?
Vielleicht von unseren Grundwerten? Wir Schweizer sind so konsensorientiert. Es fehlt uns an einer gewissen Agressivität. Das ist jetzt natürlich sehr generalisiert.

Könnten Sie es sich verzeihen, wenn auch Ihre zweite Firma zumachen muss? Nehmen Sie das Scheitern persönlich?
Als ich schliessen musste habe ich mich sicher hinterfragt. Aber es gibt verschiedene Arten von Scheitern. Wenn ich mit meinem Unternehmen einen Schuldenberg hinterlasse, dann liegt das an mir. Wenn wir wegen mangelnder Nachfrage schliessen, dann sehe ich das weniger als Scheitern.

Was raten Sie jemandem mit einer genialen Idee, der sich aber nicht getraut diese umzusetzen, weil die Möglichkeit des Scheiterns besteht?
Brechen sie die Idee auf die kleinstmögliche Sache herunter und geben sie diese einem Nutzer in die Hand. Dieser Gedanke basiert auf der Methodologie «lean Startup». Das hilft enorm. Danach muss man einfach über seinen Schatten springen und versuchen die Risiken klein zu halten.

Sie haben die Schweizer Version der Konferenz «Failcon» mitbegründet, die sich dem offenen Umgang mit Misserfolg widmet. Warum wollen Sie sich unbedingt mit dem Misserfolg auseinandersetzen?
In der Wirtschaft selber wird immer nur über positives berichtet. Man betont logischerweise was alles gut läuft. Dabei bringt es viel mehr, wenn man schaut was eigentlich nicht funktioniert. Das wird aber nie öffentlich diskutiert. Hier soll «Failcon» eine Plattform bieten. Das Paradebeispiel sind Forscher. Die publizieren nur erfolgreiche Ergebnisse aber keine Fehler. So werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Das ist extrem ineffizient. Da liegt eine Goldgrube an Information einfach brach.

Warum werden Misserfolge verschwiegen?
Wenn Sie auf einen Unternehmer erzählt Ihnen ausschliesslich von seinem Erfolg. Er promotet sich selber. Er will, dass Sie ein positives Bild von seinem Unternehmen haben. Ich sehe da glücklicherweise eine Trendwende. Man beginnt auch über Misserfolg zu sprechen.

Scheitern wird bei unserer Generation hip?
Es gibt heute viele Lifestyle-Unternehmer. Die machen ein Projekt, weil es toll ist ein Start-up zu haben. Diese Leute lassen es vielleicht auch so aussehen, wie wenn das Scheitern was tolles und modernes ist. Als richtiger Unternehmer mit Herzblut fühlt sich das aber alles andere als toll an, wenn Sie Ihr Unternehmen zumachen müssen.

Also doch lieber nicht scheitern? Haben Sie Ihren Mut nach dem ersten Misserfolg etwas verloren?
Nein. Ich riskiere immer noch gleich viel. Aber ich habe eingesehen, dass es nichts bringt, hoffnungslos an etwas festzuhalten.

0

Für die Liebe sieht es schlecht aus. Etwa die Hälfte der Ehen scheitert. Das Bild der Liebe mit «happily after after», das gibt es höchstens noch bei Disney. Wo man kleinere und grössere Streitigkeiten versucht zu überwinden, sich Treue in guten wie in schlechten Zeiten schwört, an der Seite des Anderen trotz allen Ecken, Kanten und Macken bleibt, solche Beziehungen führten allenfalls unsere Grosseltern, wenn überhaupt.

Und die Beziehungen unserer Generation haben sich noch weiter von diesem Bild der Liebe entfernt. Das Kennenlernen verschiebt sich in die virtuelle Welt, die ersten Schmetterlinge im Bauch wurden zu Matches auf Tinder. Das erste Mal ist schon lange nicht mehr die langersehnte Hochzeitsnacht, sondern fällt immer mehr mit dem ersten Treffen zusammen. Liebeserklärungen drückt man durch Emoticons aus, Komplimente gibt es per Like und Berührungen werden durch das Streicheln des Touchscreens ausgetauscht.

Der Beziehungsalltag ist auch komplizierter geworden. Bei uns soll es keine fixen Rollenverteilungen mehr geben, keine Hierarchien, runter mit dem Patriachat. Wir wissen ganz genau was wir nicht wollen, aber wie die Alternativen aussehen haben wir nur bruchstückhaft vor Augen und diese auszuleben scheitert oft an der Realität. Diese Anforderungen an Beziehungen überfordert unsere Generation. So fest wir jegliche Einschränkungen in unserer Individualität auch verabscheuen, war es mit der Liebe nicht einfacher, als noch jeder wusste wo er hingehört und wie man sich verhalten soll?

All diese Entwicklungen haben unsere Hoffnung für die Liebe erschüttert, wir sind verunsichert. Oder ist es umgekehrt: Je mehr die Liebe an der Realität scheitert, desto mehr klammern wir uns an dieses Bild der Liebe?

Aber kann die Liebe überhaupt scheitern? Scheitert sie, wenn es neben der traditionellen Beziehung plötzlich Alternativen des Zusammenlebens gibt, wenn der Begriff der Ehe geöffnet wird, wenn LebenspartnerInnen zu LebensabschnitsspartnerInnen werden und der Vormarsch der virtuellen Welt auch vor unserer intimsten Sphäre keinen Halt macht?

Das Scheitern der Liebe heisst Resignation. Sie scheitert nicht an den Herausforderungen der heutigen Welt, sondern wenn wir nicht mehr daran glauben, dass es irgendwo in der weiten Welt jemanden gibt, den wir lieben werden. Wenn wir uns mit einer Beziehung abfinden, weil es einfacher ist als alleine zu sein und weiterzusuchen. Wenn sich ein seit neun Jahren verheiratetes Paar trennt, dann scheitert nicht die Liebe – im Gegenteil, sie trägt den Sieg davon. Scheitern wäre, wenn man zusammenbleibt, ohne eine Liebe wie man sie sich wünscht, weil man resigniert hat. Aber hier siegt die Liebe, weil beide darauf hoffen, dass sie die Liebe wiederfinden, und dann hat die Liebe erst eine Chance. Wenn wir die Liebe so sehen, dann scheitert die Liebe nicht an dem Heute, sondern höchstens an unserer Resignation.

 

Text: Julia Meier, studiert, wohnt und liebt in Zürich. Gehört zu den idealistischen Jusstudentinnen. Denkt gerne über die Welt nach und posaunt ihre Gedanken am liebsten ganz weit hinaus.
Bild: Carmen Lebeda