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damit eines klar ist: die wg ist ein gemeinschaftswerk. im bestenfall ein kunstvolles kollektiv, im schlechtesten fall bloss eine wirtschaftliche zweckgemeinschaft. aber auf alle fälle eine GEMEINSCHAFT, die in diesem fall – selbstredend – mit WOHNEN zu tun hat (im gegensatz beispielsweise zur fahrgemeinschaft).

es gäbe also geschichten zu erzählen: von dieser, die im hinteren zimmer links gewohnt hat. oder von jenem, der gerade im zimmer neben der küche eingezogen ist. oder von den dachstockbewohnern. geschichten von leuten. verschiedenen leuten, weil in einer wg – meist – mehrere wohnen. und alles könnte obendrein, einfach weil’s lustig ist, frei erfunden sein.

stattdessen eine statistische zahl zur perspektive n°38: 81,2% der texte sagen ich – ich – ich! direkt aus dem eigenen leben in die therapiezeitung perspektive zur persönlichen psychohygiene (informationsgehalt: zero). beispiel gefällig? „aber ich wollte es unbedingt“, sagt nadja. – und nur, weil ihr euch einen hipster-anstrich gibt, seid ihr noch lange nicht progressiv. ihr entscheidet den neoliberalen konkurrenzkampf bloss durch den coolness-faktor statt durch knallharte währung. – aber das ist schliesslich alles folgerichtig. joannas credo heisst: „ich habe mehr als genug“ – „schuhe“, beispielsweise. wie öde und klischiert. und wer mit niemandem reden will, schreibt auch nur von sich und beansprucht dann im gegenzug für eine person über fünfzig quadratmeter wohnraum. aber ein grosses ego braucht halt platz. nicht, tamara? oder ist das ego am ende klein und versteckt sich bloss in einer grossen wohnung? wie dem auch sei: glücklicherweise zeigst du dich lernfähig und lebst wieder in einer wg.

immerhin hält die chefinkolumnistin aline – trotz ich-gefasel – am sinn der wg fest: kannsch wohnen wo willsch, am idaplatz oder am „Menu platz“. ein wg isch ein sache, „in dem allen mithelfen“. alles klar? wg: progressiv und international. schliesslich hat die wg das – bünzlige – model schlummermutter ersetzt. im 21. jahrhundert dürfen sogar frauen problemlos in einer wg leben. Tillsammans, der schwedische wg-film, hat diesbezüglich alle tabus gebrochen, oder war das welivetogether.com? es gib nichts mehr wirklich zu verlieren – zumindest keinen sogenannt anständigen ruf. das zeichnet die wg aus: 45,5% der texte in der perspektive n°38 reden beim thema wg über eine gewisse freizügigkeit im umgang mit sex (was einmal mehr beweist, dass sex nicht fehlen darf). von eigenartigen begebenheiten, wie „in Überlautsärke Pornos zu schauen.“ (kommt das oft vor? oder ist das dein sublimierter wunsch, marco, der sich nun als verbot gegen andere richtet?) – über mehr oder weniger subtile anspielungen: „aber ich wollte es unbedingt.“ – bis zum ehrencodex des one-night-stands: „Über One-Night-Stands wird nicht geredet. Aber es ist absolut legitim etwas lauter zu sein und die Mitbewohner zu wecken, sodass diese merken, dass du nicht alleine warst.“ solche situationen ergeben sich bevorzugt an bzw. nach wg-partys – dazu das kotzen: diesen allgemeinplatz noch unterzubringen, ist nur konsequent. dank sei den heiligen drei königen der wg-saufereien: simeon, jordan und laurin (kiffer sind die drei könige nachweislich auch).

alles in allem ist eine wg unglaublich liebenswürdig und ein intelligentes wohnkonzept. ob es aber diese aufgeblasene blick-am-abend-liebeserklärung braucht? die vorgeschriebenen 160 zeichen hätten bei weitem gereicht. oder 53 zeichen im fall des wohl als motto gedachten, aber dann nicht eingehaltenen satzes: „Vieles bleibt auch unausgesprochen“. was dann doch ausgesprochen wird, ist dafür nichtssagend: „Natürlich ist das Zusammenleben nicht immer einfach.“ und endlich das geständnis: „Danke Dir, meine liebste WG!! Ich möchte dich nie verlassen.“ – glaubst du so wenig an deine liebe, julia, dass du sie dir wie die blick-am-abend-junkies öffentlich einreden musst? und rolandsky? was ist mit rolandsky? wer weiss das schon: „jemand bezahlt die miete.“ – ich hoffe nur, ihr lest auch alle, was die anderen in der n°38 so für ich-gefasel verbreiten. dann bestünde wenigstens die hoffnung, dass die perspektive in richtung kunstvolles kollektiv und nicht nur in richtung wirtschaftlicher zweckgemeinschaft zeigt: wenn euch schon jemand die miete bezahlt!

euer geneigtester und treuster leser kommunalkitsch

p.s. und dann gibt es da, ganz zum schluss, noch gedichte. so kleine putzige dinger. wie meinte doch einer so schön: „Eigentlich, ja eigentlich müsste es viel mehr Gedichte geben. Ich meine zu behaupten, dass sie, die Gedichte, uns viel öfters begegnen sollten, den Tag durch – auch abends.“

 

Text: Fabian Schwitter

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Wenn ihr meint
Dass eure WG die WG sei
Dann habt ihr unsere WG noch nicht erlebt
Denn nur unsere WG
Ist die WG

Was hier schon kaputt ging
Wie viele Weingläser
Herzen und Hirnzellen
Kondome und Stühle
Und wie oft man es zu flicken versuchte

Glaubt ja nicht
Eure Geschichten seien besser
Denn das sind sie nicht
Auch nicht für euch
Ihr findet unsere immer etwas krasser

Wie oft hier japanische Touri-Ravers klingeln
Und fragen, ob hier die WG sei
In perfektem Englisch
Und wie wir sie dann herum führen
Und ihnen zeigen wo sie kotzen können

Einmal kam sogar Bob Dylan vorbei
Und fragte, ob hier die WG sei
In seltsamen Englisch
Und ob er ein Konzert spielen könne
Wir zeigten ihm, wo er kotzen kann

Manchmal trainieren wir so laut
Dass die Nachbarin hochkommt
Und uns bittet, etwas leiser zu atmen
Ich biete ihr dann Haschkekse an
Und dann macht jemand von uns mit ihr rum

Was hier passiert, bleibt nie hier
Die Presse lauert einem ständig auf
Aber meistens stehn sie genau da
Wo Bob hinkotzen sollte
Und schützen sich mit den Notizblöcken

Wenn wir das Abflussroh des Lavabos öffnen
Weil nichts mehr abläuft
Finden wir nicht nur ganze Zahnbürsten
Sondern Zähne
Von Haters

Text: Laurin Buser, Slam Poet

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Dieser Moment, als ich mit zwanzig endlich von zu Hause auszog, der war grossartig. Ungefähr genauso spannend jedoch war wohl die Vorstellung, dass ich mit zwei meiner besten Freundinnen eine Wohngemeinschaft gründen würde. Ich war mir bewusst, dass dies kein geringes Risiko war und ich damit gleich zwei Freundschaften auf einen Schlag aufs Spiel setzte. Aber ich wollte es unbedingt. An einem warmen Spätsommerabend trafen wir uns auf einem Fussballfeld am Stadtrand, um uns zu beraten. Es gab eine wichtige Frage zu klären, die das Projekt beinahe zum Scheitern gebracht hätte, bevor es richtig losgehen konnte: wo sollte diese WG gegründet werden? Zur Auswahl standen zwei Städte, die eine geschwisterliche Hassliebe verbindet und die beide nicht unbekannt sind für ihren stark ausgeprägten Lokalpatriotismus. In Winti hatten wir alle drei den Grossteil unseres Lebens verbracht, unsere Freunde lebten dort und wir trugen viele gute Erinnerungen von dieser Stadt in unseren Herzen. Aber in Züri studierten wir seit einem Jahr und die Stadt lockte mit neuen Abenteuern. Wir liessen den Zufall entscheiden. Dort wo wir zuerst eine passende Wohnung fänden, würden wir uns niederlassen.

Dass wir schliesslich in der Limmatstadt landeten, ging wahrscheinlich zum grössten Teil auf meine Kappe. Als wir die erste, lang ersehnte Zusage für eine Dreizimmerwohnung bekamen, war ich Feuer und Flamme. Beim Anblick meiner tausend Ausrufezeichen auf Facebook mussten einige gedacht haben, ich hätte einen an der Klatsche. Dabei war es bloss Ausdruck meiner überschwänglichen Euphorie. Meine Freundinnen mussten mehr Mut aufwenden, um sich von ihren Wurzeln zu distanzieren. Ich redete ihnen ein, dass unsere Winti-Freunde Verständnis haben würden. Leider irrte ich mich. Wie sich später herausstellen sollte, zerbrachen wahrhaftig viele Winti-Freundschaften. Aus den Augen, aus dem Sinn. Vielleicht war es die kaum zu überwindbare Distanz, welche eine zwanzigminütige Zugfahrt in Anspruch genommen hätte. Verständlich. In einem Zeitalter, in dem jede zweite Beziehung eine Fernbeziehung über zwei Kontinente hinweg ist, kann man nicht erwarten, dass jemand seine Komfortzone verlässt und für einen Kaffee in eine andere Stadt fährt. Ironischerweise wohnen die meisten dieser Personen heute selber in Züri. Und einige Freundschaften konnten glücklicherweise später wiederbelebt werden, als man sich physisch wieder näher war.

Schon lustig, irgendwie.

Nachdem meine überzeugenden Überredungskünste also gefruchtet hatten, unterschreiben wir den Vertrag und es fühlte sich an, als hätten wir soeben im Lotto gewonnen. Es kümmerte uns nicht, dass die Wohnung weder im Kreis 3 noch 4 noch 5 noch 6 lag. Wir trösteten uns damit, dass schliesslich nicht jeder ein lässiger Szeni sein konnte, der im Erismannhof wohnt und die Langstrasse sein Wohnzimmer nennt. Nein, unsere WG lag total uncool im Kreis 11. Zwei Tramstationen vom Schwamendingerplatz entfernt. Dort, wo die Strassenbahn unterirdisch fährt und alles so futuristisch gebaut ist, dass man meinen könnte, man wär irgendwo mitten in Berlin. Zumindest hab ich das immer allen so erzählt. Andere hätten wohl gesagt, dass sie nachts Angst haben, alleine durch den Tunnel zu spazieren. Dass da nur Verrückte und Junkies rumlungern. Was natürlich nicht stimmt. Der einzige Penner, den ich regelmässig antraf, kam aus Holland und sprach fliessend Deutsch. Sein schneeweisses Haar war genauso lang wie sein ebenfalls schneeweisser Bart, und manchmal sah man nur noch diese Zotteln um die Ecke flattern. Er bewegte sich schnell und geräuschlos, schielte möglichst unauffällig in die Abfalltonnen und war äusserst gesprächig. Als er mich einmal um 5 Stutz für eine neue Hose bat, drückte ich ihm einen Fünfliber in die Hand und lächelte, wohl wissend, wofür er das Geld ausgeben würde. Zwei Tage später wartete er vor dem Tunneleingang auf mich und streckte mir stolz eine Plastiktüte entgegen. Darin lag, ordentlich zusammenfaltet, eine neu gekaufte Jeans.

H&M, schmunzelte er, nur 30CHF.

Die ersten Wochen als WG waren eine grosse Herausforderung und ein harter Test für unsere Freundschaft. Ich erinnere mich an unzählige Ikea-Besuche, bei denen man der Versuchung widerstehen musste, das gesamte Warenhaus in den Einkaufswagen zu packen. Möbel wurden in Bussen und Trams quer durch die Stadt geschleppt. Kompromisse waren erforderlich – nicht zuletzt, da wir alle drei Dickköpfe waren nicht gerne klein beigaben. Es folgte die schmerzliche Erkenntnis, dass das Leben verdammt teuer ist. In den ersten Wochen füllten wir deshalb den Kühlschrank ausschliesslich mit Lebensmittelprodukten von M-Budget und Prix Garantie. Der Spinat schmeckte zwar wie Gras, aber Hauptsache er war billig. Erst als eine meiner Freundinnen ein Ultimatum stellte und damit drohte, wieder auszuziehen, wenn wir nicht anders einkaufen würden, kam auch ich zur Vernunft. Ab sofort wurde auf das Bio-Label geachtet (von den einen mehr als von den anderen) und es galt die gesunde, neumodische Devise lokal-regional-saisonal. Abends schnippelten wir Gemüse und kochten Ragouts, verweilten bis spät am Küchentisch und träumten vom Leben. Oder wir sassen mit einem Glas Rotwein auf unserem knapp drei Quadratmeter grossen Balkon und trotzten den abgasausstossenden Autokolonnen, die vor unserer Nase um die Wette stanken.

Und wir waren glücklich dabei.

Aber ja, selbstverständlich war auch bei uns nicht immer alles Friede Freude Eierkuchen. Wie in allen WGs kam es gelegentlich zu Reibereien und Streitigkeiten. Einmal zofften wir uns, weil wir uns uneinig waren, wie gross die Kartoffelstücke für die Salzkartoffeln sein sollten. Ein andermal waren es irgendwelche doofen Pullis, die statt 30° ausversehen mit der 40° heissen Wäsche gewaschen wurden. Ja ehrlich. Wenn wir schon keine Mitbewohner hatten, die nachts besoffen auf den Teppich pinkelten, mussten eben andere Streitpunkte her. Zugegeben, auch bei uns wuchsen Pilze im Kühlschrank, im Bad und an den Wänden hinter den Kleiderschränken. Die Abflüsse waren immer wieder verstopft und ich pfiff meine Mitbewohnerin hundertmal an, weil sie ihre Haare nicht aus dem Duschabfluss klaubte. Aber im Grossen und Ganzen gaben wir uns grosse Mühe und zeigten uns proaktiv. Kaum zu glauben, aber nicht einmal ein Putzplan musste erstellt werden. Niemand drückte sich davor, den Staubwedel in die Hand zu nehmen, wir hatten dieselbe Vorstellung von Sauberkeit, das Altpapier wurde stets gebündelt und vor die Tür gestellt, das Altglas gemeinsam wöchentlich entsorgt und mit dem Einkaufen sprachen wir uns ab.

Die Jahre vergingen und unsere kleine WG fiel irgendwann auseinander. Wohngemeinschaften sind selten für die Ewigkeit gedacht, aber das ist vielleicht auch besser so. Wir hatten alle drei andere Zukunftspläne und wagten uns zögerlichen Schrittes in die weite Welt hinaus. Die eine verschwand für ein Auslandsemester nach Süditalien, die andere zog mit dem Freund nach Südamerika. Ich blieb vorerst tapfer zurück und war neugierig auf die neuen Mitbewohner. Es kamen glücklicherweise nur gute Leute, mit denen ich bis heute Kontakt pflege, so gut es eben geht. Aber es war nicht mehr dasselbe. Ich musste lernen, dass jede Wohngemeinschaft eine andere, eigene Dynamik entwickelt. Und dass die Vertrautheit unter Mitbewohnern selten so gross ist, dass drei Leute gleichzeitig im Badezimmer duschen, sich schminken und auf der Toilette ihr (kleines) Geschäft verrichten. Meistens haben Menschen, die zusammen in einer WG wohnen, andere Tagesrhythmen, eigene Freunde und  verschiedene Vorstellungen des Zusammenlebens. Als die neuen Mitbewohner einzogen, blieben die Zimmertüren plötzlich mehrheitlich geschlossen. Zusammen gegessen wurde nur noch selten und die gemeinsamen Abende, an denen man eng aneinander gekuschelt auf dem Secondhand-Sofa über die Balkonbrüstung schielte, gehörten der Vergangenheit an. Das musste ich lernen zu akzeptieren. Und irgendwann ging ich ebenfalls meine eigenen Wege, übergab mein Zimmer jemand anderem und verliess Zürich schweren Herzens. Ich erinnere mich, wie ich in der letzte Nacht, zwischen Kartonkisten und Möbelstücken eingeklemmt, im Schlafsack auf meiner Matratze lag und an die Decke starrte.

Wie schnell die Zeit vergeht, dachte ich noch, bevor ich endlich die Augen schloss.

Und dann war ich plötzlich in Genf. In einer WG, in der mir mein Mitbewohner regelmässig die Salami aus dem Kühlschrank klaut. Um sie dann zwei Tage später, vom schlechten Gewissen getrieben, wieder zu ersetzen. In einer WG, in der häufig mehr Leute übernachten als Betten vorhanden sind. Und wir in der Küche immer zu wenig Stühle haben.

Aber dazu ein andermal.

 

Text: Nadja Hauser

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Alle Regeln gelten ausnahmslos für beide Geschlechter

 

  1. Jeder Quadratzentimeter kostet. Wenn du nicht dafür bezahlst, hast du kein Recht ihn zu betreten / zu benutzen.
  2. Ämtchen und Putzkalender sind nur Vorschläge. Und wer vor 14:00 Uhr staubsaugt ist ein Arschloch.
  3. Nur weil man zusammen kocht, muss man nicht zusammen essen.
  4. Ehre deinen Mitbewohner. Du wirst ihn vermissen, wenn du morgens Heim kommst und du deinen Schlüssel verloren hast.
  5. Wenn Blut in der Badewanne klebt, leck es nicht auf und fass es nicht an.
  6. Wenn etwas niemanden gehört, gehört es dir.
  7. Falls eine zu laute WG-Party stattfindet, du aber nicht teilnehmen kannst, reklamiere erst am nächsten Tag. Niemand darf erfahren, was für ein Schlappschwanz du bist.
  1. Wenn die Toilette länger als fünf Minuten besetzt ist, tritt das ungeschriebene Recht in Kraft, ins Waschbecken zu urinieren.
  2. Über One-Night-Stands wird nicht geredet. Aber es absolut legitim etwas lauter zu sein und die Mitbewohner zu wecken, sodass diese merken, dass du nicht alleine warst.
  3. Eine gute WG ist wie eine schlechte Ehe. Sie dient einzig und allein der Wirtschaftlichkeit. Alles Private wird ausserhalb erledigt.

 

Text: Domus Lopus

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Meinem Ostblockpapa, gesegnet mit einem Übermass an Einfühlungsvermögen, verschlägt so schnell niemand die Sprache. Überlasst das ruhig seinem einzigen pubertierenden Kind. Als ich fünfzehn war oder so und ihm eröffnete, ich würde dann wenn alles planmässig lauft aufs Studium hin in eine Weegee ziehn, schluckte er erstmal leer und nickte dann freundlich. Dann wechselte er das Thema. Gleichentags etwas später, Apero mit ma mère. Ich hätte meinem Vater also schon einen Schrecken eingejagt, erzählt sie lachend. Wie hatte ich denn das geschafft? Nun, sagte sie und nahm einen Schluck Chardonnay, für einen Exmusiker aus einem sowjetischen Satellitenstaat mutet die Vorstellung, dass junge Frischmündige in verlotterten Gehäusen irgendwo inmitten einer Grossstadt wie Zürich zusammengepfercht in ihrem eigenen Dreck leben und sich gegenseitig die Spritze setzen halt etwas befremdlich an. Eine Überdosis westlicher Jugendverwahrlosung. Ich fragte, ob meine Eltern meinen, ich hätte irgendwie mit böseren Drogen was am Hut, als ich sonst schon hatte. Meine Mutter lachte. «Nein Nein, keine Sorge, ich hab ihn beruhigt, er weiss es halt nicht besser. Ich hab ihm erklärt dass das heutzutage absolut normal und gang und gäbe ist. Dass deine Onkel alle auch mal in Weegees gewohnt haben und das zu einer Zeit, als die Stadt wirklich noch gefährlich war. Kein Problem also. Er wird sich dran gewöhnen. Abgesehn davon ist es dein Körper, mach damit was du Lust hast.»


Meine erste Weegee bezog ich im Sommer Zwozehn in einem wunderschönen Zweifamilienhaus im Grünen zwischen Regensbergbrücke und Bad Allenmoos. Zu fünft waren wir, jung, schön, topmotiviert und so lebenslustig, wie man das halt mit knapp zwanzig noch ist. Und ach, die Freuden des Zusammenlebens. Wer hat das Bad schon wieder nicht geputzt? Die Pfanne ist noch nicht sauber, Simeon. Jetzt friss nicht immer Cornflakes vor dem Znacht! Unser Staubsauger ist kaputt. Kannst du eigentlich nie genug saufen? Das ganze Bad ist verkotzt! Das war nicht ich, das war die, die ich abgeschleppt habe. Der bin ich im Suff etwas zu ungelenk auf dem Magen abgestützt, da musste halt was raus. Aber sie hat mir gesagt sie hätte alles aufgewischt! Kann man denn niemandem mehr vertrauen? Fick mal leiser, die arme Frau ist doch sicher schon ganz wund. Du hast unser letztes Gras weggeraucht? Spinnst du? Obligatorische Weegee-Party selbstverständlich legendär, mehrere Floors auf allen Etagen, voll besetzter Balkon, Lärmklage und eine zentimeterdicke Schicht Alkohol und Sockenfusel auf dem Wohnzimmerboden, als dann alles vorbei war.

Nichts hält ewig und manches nicht lange. So kam es, dass ich im Sommer darauf gegangen wurde. Der historischen Harmonie verpflichtet bezeichne ich das jetzt mal als „in gegenseitigem Einverständnis“. Hallo Leonie und Nina, ich mag euch trotzdem. Dank unvorhergesehner Loyalität und Kameradschaft eines meiner Nächsten bezog ich dann meine zweite Weegee, diesmal richtig in der Stadt. Druckste ich vorher rum und sagte, ich wohne an der Grenze zum Kreis Sechs, hauste ich plötzlich im Dickicht des flachen Teils von Zürich, und zwar exakt an der Grenze zwischen den beiden besten Kreisen, drei und vier. Nix JuWo, nix Gnossi, nix Sozialwohnung. Eine richtige, echte, private Verwaltung gönnte uns eines ihrer unzähligen Appartements. Die erste Konfrontation liess nicht lange auf sich warten. Wir zwangen die Verwaltung, die marode, leicht schimmlige dunkelbraune Küche herauszureissen und durch eine neue zu ersetzen. Der russische Gastarbeiter, der uns das Ikea-Schmuckstück dann installierte, sprach zwar kein Deutsch, dafür aber seine Vorgesetzten, und ich hab bis heute nie so schnell jemanden ein Bier trinken sehen wie den sächsischen Monteur. Zwei Schlücke und zack, leer war die Dose. Der Mietzins stieg, die Vöglein pfiffen und ich gehörte nun zu den echt coolen Säcken, die in Zigidistanz zum Idaplatz wohnen.

Im ersten Jahr geschah etwas spannendes: Der Zufall namens Arbeitsmarkt zwang uns alle drei in Jobs, die vorwiegend elf Uhr nachts begannen. Verrückt, anstatt sich morgens beim Schlipsbinden um die Kanne Bialetti zu streiten, begegnet man sich spätabends im Halblicht der Küche mehr oder weniger ausgangsparat. Noch ein letztes Bier, Augentropfen rein, und ab die Miete verdienen. Ich kam meistens als letzter nach Hause, als die Sonne oft schon aufgegangen war. Manchmal war ich ausgesperrt, musste die Besoffenen also nach ihren ersten zwei Stunden aus dem Schlaf klingeln, wodurch ich mir immer, ohne eine Ausnahme, böse Blicke einhandelte. Aber konnte ich irgendwie noch verstehen, ich hätte ja auch einfach im Treppenhaus schlafen können. Nichts Streitwürdiges, nicht das. Was passiert eigentlich, wenn man streitet? Lässt man sich in eine verbale Auseinandersetzung verwickeln, degeneriert man zu einer Vorstufe des zivilisierten Menschen. Vernunft und Zen weichen Geltungsdrang und Lautstärkekampf. Und Gott, haben wir gestritten. Zeitweise hätte man unserer Wohnung eine bipolare Störung diagnostizieren können. Tranken wir eines Abends bis drei Uhr zu guter bis sehr guter Musik und fühlten uns wie die Bolschewiken im November, multiplizierten sich anderntags die kleinen Befindlichkeiten, vom Kater befeuert, zu handfesten Kriegen. Mixt man dann noch etwaige etwas «schwierige» Beziehungsverhältnisse in die Suppe, so konnte man sicher sein, dass es nicht langweilig wurde, öffnete man unsere etwas quietschige Eingangstüre. Im schlimmsten Fall gab es immer noch das Meiers, das hat ja immer bis Vier auf. Dreimal umfallen und ich lieg drin. Genau wegen so Institutionen liebe ich es, Städter zu sein. Und als Student leistet man sich meistens kein eigenes Gehäuse, sondern teilt es schwesterlich mit anderen. Auch wenn ich immer noch der Meinung bin, vorzüglich alleine klar kommen zu können, so ist mir das Kommunenhafte doch sehr ans Herz gewachsen. Ich glaube, das reicht auch schon bis in meine Kindheit zurück. Wir hatten ständig Mitbewohner, manche blieben kurz, manche lang, manche kannte man schon früher, manche nicht. Aber immer gab es jemanden, mit dem man einen Quark essen konnte oder der das Bad blockierte. Good times.

Seit mir die zweite Garnitur Mitbewohner ausgeflogen ist (diesmal im Guten, ich schwörs!), wohne ich nun je nach Zählform in meiner zweieinhalbten oder dritten Weegee. Sie wurde auch schon ordentlich eingeweiht, hat doch jeder schon im Suff ins Bad gebrochen. Neue Leute heisst: Neue Musik, neue Esswaren im Vorratsschrank (Edition 2015: Immer Eier und Hering), neue Befindlichkeiten, neue Gäste, die plötzlich auf deinen Stühlen hocken und deinen Kaffee saufen. Manches bleibt sich gleich, manches verschwindet mit dem letzten Karton für immer. Auch wenn wir im Schnitt vielleicht alle zwei Monate wirklich zusammen an einem Tisch Znacht essen, ist das Gemeinschaftsgefühl relativ frisch und stark. Auch weil alles ein Ende hat ausser die Wurst: Im Herbst ziehen wir wohl alle von dannen, in nördlichere, unwirtlichere Gefilde, wo immerhin das Bier etwas günstiger ist. Und wer jetzt denkt, oh, es wird eine Wohnung im 34i frei, gleich mal anklopfen, dem muss ich sagen, zu spät Bengel, Vitamin B, Baby.

 

Text: Simeon Milkovski

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Ich fordere, dass niemand eine Wohnung hat. Alle sind eine Wohnungsguerilla und ziehen herum. Das heisst, die Privatheit ist eigentlich aufgehoben. Es klingelt an der Türe. Jemand sucht ein Bett für die Nacht. Bei Dir zu Hause hat es zwar keinen Platz mehr, in der Stube wohnen schon drei Hunde, aber wir stellen uns vor, wohnen wäre ein Menschenrecht und wir wären so zivilisiert, dass man jederzeit wo klingeln kann und gratis ein paar Wochen oder Monate bleiben kann. Manche bleiben Jahre, wenn es ihnen gefällt. Oft kaufen sie nicht einmal Abfallsäcke. Sie lassen die Wäsche hängen. Jemand bezahlt die Miete. Das Goldfischglas ist voller Algen. So wohnen wir in einer besseren Welt.

Ich finde, es gibt noch viel zu wenig Menschen in den Städten. Es müssten noch viel mehr sein. Dann könnte man mehr Menschen anschauen in den Strassen. Sie würden alle verschieden ausschauen. Es gäbe keine Schlangen mehr bei Wohnungsbesichtigungen, weil man einfach wo klingeln könnte. Auch alte Menschen, um die 80 Jahre alt, würden leben wie Dinosaurier. Die Alten würden sich dem Lebensrhythmus der Nachtfalter anpassen und bis in alle Nacht wachbleiben, weil es Licht hat im Wohnzimmer. Wer früher schlafen will, würde auf die Toilette gehen. Es gibt immer Lösungen. Jetzt verstehe ich auch, wer die Kreativität erfunden hat. Auch die Medizin. Alles ist nötig, weil es uns vorwärts bringt. Wenn man es zu Ende denkt, dann ist das Reservoir an Menschen unerschöpflich. Der Mensch findet zu jedem Problem die Lösung. Solange es Läden gibt, kann man einfach die Milch von den Kühen holen. Die Technologie und das Wissen haben uns so weit gebracht.

Es gibt drei Strategien – ich will die mit Euch diskutieren

(1) Ich kann mich reduzieren und ein Liliputleben leben. Wenn es alle machen, was würde passieren? (2) Ich kann sagen, jetzt ist gut, wir bleiben Algen. Dann kommen alle und sagen, das sei nicht möglich. Nein, es bringt nichts darüber nachzudenken. (3) So finden wir keine Lösung. Schon der Wachstumsökonom Thomas Robert Malthus sagte das Bevölkerungswachstum falsch voraus. Trotzdem glauben viele, dass das Wachstum bis etwa 10 Millionen Menschen pro Wohnung weitergeht. Und der Mensch ist ein Tier!

Wir müssen uns bewusst sein, dass es erst seit kurzem Tiere gibt auf der Erde! Wir können es gar nicht beeinflussen. Ich weiss, dass Du es gerne beeinflussen würdest. Mach bei unserem Wettbewerb mit. Wenn Du unsere Ideen gut findest, kannst Du Dich bewerben. Bitte schicke zuerst ein Foto oder ein Selfie.

Wir müssen das in den Griff bekommen. Alles andere ist Chaos. Es ist eine Frage der Macht. Gerade für Chaoten in der Zivilisation ist das Wohnen der Knackpunkt.

Ohne Wohnen keine Revolution!