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Wer kennt es nicht: Die Physiker von Dürrenmatt. Meistens sehr witzig, manchmal aber auch nachdenklich stimmend – aber immer als Theater.

Nun inszeniert Daniel Mouthon das Drama als Musiktheater: Am 14./15. und 17./18./19. Oktober.

Mein Smartphone ist wirklich smart. Es hilft mir mein Leben logistisch zu meistern. Bis jetzt vor allem mit Kommunikation, sei es telefonieren, sms-schreiben oder chatten. E-Mails schreiben tue ich auch auf dem Smartphone, aber nur von unterwegs. Es hilft mir auch immer auf dem Laufenden zu sein, online-Zeitungen, Newsticker, Twitter etc.

Was ich jedoch bisher nicht wusste. Mein Smartphone kann eben auch Politik machen. Es erklärt mir zum Beispiel, was wirklich hinter den Politikerinnen und Politikern in Bern steckt. Das Rechtschreibe-Korrekturprogramm korrigiert die Namen, wenn ich sie in ein Textfeld eingebe – so weiss ich immer grad woran ich bin.
Gebe ich zum Beispiel Mörgeli ein, korrigiert mir mein Smartphone den Namen in Nörgelei. Ok, das heisst also, der Herr Mörgeli, SVP-Nationalrat aus Zürich, nörgelt gern? Herr Schwaller hingegen, Fraktionschef der CVP, ist laut Smartphone ein Schwafler. Muss man ja als Fraktionspräsident auch sein, oder nicht? Beim Herrn Oskar Freysinger, SVP-Nationalrat aus dem Kanton Wallis, korrigerts mir in Freisinget, was auch zutreffen könnte, da sich Herr Freysinger ja gerne zwischendurch frei singt und dies nicht nur mit Niveau. Für Herrn Amstutz, SVP-Fraktionspräsident, hat mein Telefon die Übersetzung Abstützen parat. Lass ich mal so stehen.
Frau Fiala, FDP Zürich, ergibt Diana. Was will mir hiermit das Telefon sagen? Wird Doris Fiala mal noch einen Prinzen heiraten? Oder nach Grossbritannien auswandern? Oder hat sie blaues Blut und weiss es selber noch nicht? Die Spekulationen passen zu Olivier Feller, FDP-Nationalrat aus dem Kanton Waadt. Hier ist die Korrektur Geller. Feller ist also Magier, wie Uri Geller und könnte so den Vermutungen um Doris Fiala ein Ende setzen.
Herr Müri, SVP-Nationalrat aus dem Kanton Luzern, geht laut Korrekturprogramm gerne nach Möritz in die Ferien. What else?
Was ich jedoch bis heute nicht wusste, dass Matthias Aebischer, SP-Nationalrat aus Bern, serbische Wurzeln hat. Aebischer ergibt Serbischer, vielleicht sollte er mal eine Familienaufstellung machen. Dann wüssten wir mehr.
Bastien Girod, Grüner aus Zürich, isst laut Programm am liebsten Giros. Ist das mit seinem Hang zum veganen Essen vereinbar?
Bei Natalie Rickli, SVP-Natioanlrätin aus Zürich, ergibts Rücklicht, ob sie das bei der SVP ist oder alle immer nur ihre Rücklichter sehen bleibt offen.
Bei Herrn Grunder stimmts: Gründer. Er ist ja Parteimitbegründer der BDP. Seine Parteikollegin Rosemarie Quadranti wird zum Quadrant. Geometrisch oder astronomisch wird nicht näher erläutert.
Trede, also mein Name, ergibt übrigens je nach Zeitpunkt reden oder treten. Reden, ja das tu ich wahrlich gern und treten? Am liebsten mit einem Ball oder in die Pedale.

Fazit aus dieser Session mit meinem Telefon: mein Smartphone ist smart, aber ob ich allen Hinweisen folgen werde – eher nicht. Es ist wohl einmal mehr besser, mit den Menschen hinter den Namen persönlichen Kontakt zu pflegen, um zu wissen, was wirklich in und hinter ihnen steckt. Somit brauche ich mein Smartphone für die Politik, aber nicht um die Charakteren zu erkennen.

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Drei junge Männer sitzen nebeneinander auf einem Kanapee und langweilen sich. Athos, Porthos und Aramis. Sie sitzen da und sagen nichts.

Das Zimmer ist eklig. Am Boden liegen leer gegessene Teller, alte Weinflaschen und Gläser, CDs, Kleider, Zigaretten usw. Eine Matratze, ein Tisch und eben dieses schwarze Kanapee mit Krümel in den Ritzen. Ansonsten ist das Zimmer leer. An den Wänden hängt nichts, weder Bilder noch Regale.

Aramis steht auf und verlässt das Zimmer, kehrt zurück mit drei Flaschen Bier, verteilt diese. Alle öffnen zeitgleich den Drehverschluss. Das Bier von Athos schäumt über. Porthos und Aramis lachen, ein bisschen.

Irgendwo beginnt das Gestöhne zweier Liebenden. Die drei fühlen sich unwohl. Sie blicken unsicher umher und husten, um zu übertönen. Es dauert nur knappe zwei Minuten.

Die drei lachen darüber, ein bisschen. Ihr Humor ist schlecht.

«Wie wär’s damit: Wir töten einen»,  schlägt Aramis vor. «Ist doch langweilig», meint Porthos. «Woher weisst du das?» fragt Aramis. Porthos antwortet darauf nicht sondern steht auf und holt drei weitere Biere.

Sie öffnen zeitgleich. Alle drei Flaschen überschäumen. Niemand lacht.

«Na?» beginnt Aramis, während er den Schaum mit den Händen von der Hose wischt, «Na? Was meinst du, Athos? Ein Mord? Das wäre doch mal was.»

Athos zuckt mit den Schultern. Dann nickt er. «Ihr seid in der Überzahl» stellt Porthos gleichgültig fest. Alle nehmen einen kräftigen Schluck und erheben sich. Sie gehen aus der hässlichen Wohnung, nach dem sie sich mit zwei Springmessern und einem Golfschläger ausgerüstet haben.

Draussen ist es dunkel. Es ist still und dumpf, der Schnee fällt und fällt, Strassenlaterne an Strassenlaterne, gefrorene Luft, rutschige Treppen, rutschende Wagen. Abermillionen Flocken, die da todesmutig aus dem Nichts stürzen. Diese ganze Stadt scheint unter einer Haube von Melancholie zu sitzen, überall leere Gesichter, die da täglich nachtwandeln. Nun aber, da es Nacht ist, sind die Strassen menschenleer.

Die drei gehen langsam umher in diesem verlassenen Städtchen, in kleinen Gassen mit alten Häusern, überqueren den Fluss und frieren. Einmal wirft Athos seine leere Flasche gegen eine Wand. Alle drei lachen, ein bisschen. Die Stimmung ist mies.

Einmal fragt Aramis «Hast du denn schon einmal einen getötet?»

Porthos: «Nein». Lange Pause. Dann: «Du?»

Aramis: «Ich?» Er wirft einen Schneeball.

Porthos: «Ja.»

Aramis: «Nein.»

Lange Zeit treffen die drei keinen Menschen. Sie fühlen die beissende Luft im hintersten Ecken ihrer Lunge, Porthos versucht zu rauchen, Aramis reibt sich die Hände, Athos hört Musik und schlägt mit dem Golfschläger Schnee umher und gegen Stangen.

Irgendwann sehen sie eine Silhouette im Flockenmeer.

Ohne lange zu warten zücken sie die Messer. Wortlos gehen sie auf die Person zu. Sie sind ein wenig nervös. Aramis fällt beinahe auf dem Glatteis. Er flucht. Sie wirken nicht sonderlich bedrohlich.

Als sie der Person näher kommen, ruft Aramis dieser entgegen «Du wärst heuer wohl lieber zu Hause geblieben!» Die zu ermordende Person dreht sich um, man erkennt sie nicht im Schneesturm. «Ja, du Elender!» doppelt Porthos unglaubwürdig nach. «Aramis? Porthos?» ruft der Unbekannte, auf die drei zugehend. «Und der dritte wird dann wohl der stille Athos sein!» «D’Artagnan?», bellt Aramis laut, «Verdammt noch mal, du bist es. Du, hier? Lass dich umarmen, mein Freund.» D’Artagnan und Aramis umarmen sich. Porthos und Athos lassen unauffällig die Messer verschwinden. «Ihr lebt also noch immer hier? Was macht ihr denn den lieben langen Tag? Golf spielen?» fragt er grinsend, den Blick auf Athos’ Schläger. Dieser fühlt sich recht dumm. «Meine lieben Freunde, lasst uns diese Begegnung feiern, ein Bier in der Kneipe? Ist noch was offen?» stachelt D’Artagnan. «Es ist 21 Uhr!» antwortet Aramis vorwurfsvoll eingeschnappt. «Ja, ja, schon gut, beruhige dich, mein Zarter. Seid ihr auf guten Pfaden? Oder werdet ihr auch langsam wahnsinnig, wie ich es wurde? Erzählt schon, erzählt!»

So ziehen sie zu viert weiter. Der Schneesturm tobt. Es ist wieder langweilig.

eine perspektive

Apple als Verführung der Menschheit! Beim Titelbild der App-Ausgabe komme ich noch mit. Das verstehe ich sogar (R.I.P. Steve Jobs). Und beim nörgelnden Mörgeli bin ich ausnahmsweise voll d’accord, für einmal ganz auf der Linie des Smartphones. Aber eigentlich muss ich zugeben: Marius Wenger wird mir immer sympathischer. Er hat nämlich kein Smartphone. Das ist eher meine Welt, obwohl ich ihm eine Nasenlänge voraus bin. Denn ich habe sogar nur, und ausschliesslich, ein wunderschön rotes Homephone (leider ohne Wählscheibe). Ich bin halt ein ziemlich krasser Homie und das smarte Digi-Geschwafel langweilt mich eher.

Wählen und Langeweile (hübsch, sein eigener Stichwortgeber zu sein): Immerhin hat sich der rechte Vordenker selbst aus dem Rennen genommen und steht dem Wahlkarussell nicht mehr zur Verfügung. Das Geschehen im Nationalrat ist ihm zu langweilig. Aber solange alle immer über ihn und seine Partei reden, reibt sich der alte Mann aus Herrliberg die Hände. Wie wäre es, wenn die Linke ihn einfach ignorieren würde? Schweigt ihn und seine Partei tot! Wenn die Linke schon nicht das Gegenstück zu jener totzuschweigenden Partei sein soll, wieso muss diese Partei dann immer wieder und bei jeder Gelegenheit und erwähnt werden? So bleiben diese Holzköpfe konstant in den Medien!

Sokrates wäre begeistert: Schreibt euch immerhin die Seele aus dem Leib, wenn’s ja doch niemand liest.

Aber vielleicht ist das zu viel Aufregung um nichts. – Der Unterschied zwischen Buch und Internet, der Unterschied zwischen Analog- und Digitalzeitalter: Im Analogzeitalter wurde gelesen, im Digitalzeitalter wird geschrieben. Sokrates wäre begeistert: Schreibt euch immerhin die Seele aus dem Leib, wenn’s ja doch niemand liest. Nichts Kulturpessimismus, distanzierte Ironie!

Tja, vom Ficken ist von Ausgabe zu Ausgabe nicht loszukommen

Trotzdem bin ich eigentlich dafür: Gratis WLan! Da mache ich doch lieber die hohle Hand, als den hohlen Kopf. PW ist wohl im Allgemeinen kaum für kollektive (ob analoge oder digitale) Fortbewegung, sondern für den Individualverkehr. Tja, vom Ficken ist von Ausgabe zu Ausgabe nicht loszukommen (Ist das im digitalen Zeitalter vielleicht auch nicht mehr so leicht wie früher? Zipfel rein, Zipfel raus – oder so irgendwie).

Schön, dass auch in Busers Geschichte Sex der Handlungstreiber ist. Richtig: Im Nebenzimmer treiben sie es. Übrigens auch in Rolandskys Kolumne. Aber das hat wohl mit der Eco-Pop-Initiative zu tun: Poppen, poppen, poppen. Ein folgenschweres Missverständnis. Die Hippies poppten auch um die Wette, aber mit dem Slogan Make love, not war. Das haben die pseudogrünen Verteidiger der Schweizer Landesgrenze wohl übersehen. – Jedenfalls triumphiert die Biologie und ich kann nicht anders: Nein, ist ja super. Was es da alles gibt. Noch mehr Partnervermittlung. Da wünsche ich euch ver(t)hinderten Superlover allen viel Erfolg. (Den Vorschlag von letzter Ausgabe mit den farbigen Fick-mich-doch-Stirnbändern finde ich im Nachhinein doch origineller.)

Die vorgespiegelte Selbstsicherheit auf dem Facebookprofil, coole Bikinibilder und Muskelposen und dann diese ewige Gefühlsduselei, der beste Beweis für die emotionale Verwahrlosung

Dabei ist es interessant, wie immer Sex gesagt wird, wenn es eigentlich um die allzu zerbrechliche Psyche der Heutigen ginge: Die vorgespiegelte Selbstsicherheit auf dem Facebookprofil, coole Bikinibilder und Muskelposen und dann diese ewige Gefühlsduselei, der beste Beweis für die emotionale Verwahrlosung der Online-Gesellschaft: Second-Life-Erweckungsidiotien und wiederentdeckte sogenannte Realitäten (Der Idiotes ist übrigens der, der sich nicht um öffentliche Angelegenheiten kümmert, der eben vor dem Bildschirm hockt und unfähig ist, mit anderen zu sprechen).

Genau, schau einmal aus dem Fenster du Windows- und Apple-Junkie! Das wäre die Devise: „Einfach einmal schauen“ und vom Angebot nehmen, was einem gerade in den Kram passt, anstatt in unserem übersättigten Land immer haben, haben – hAPPen – zu schreien. Beim Apéro einmal ein HAPPli auf der Seite lassen und dafür noch ein Glas nehmen, dann klAPPt’s auch mit dem direkten Gespräch wieder besser. Statt sich permanent den Bauch vollzuschlagen und das Hirn voll zuspamen, einmal gemütlich zurücklehnen. Reflexion ist das Stichwort, ihr Knallfrösche – nicht Reflektion!

 

Text: Fabian Schwitter

Eine App ist eine Applikation, ist eine Anwendung, ist eine Benutzung. Wir sind die Meister des Anwendens und des Benutzens. Was sagt das über uns aus? Wir, damit meine ich vielleicht die so viel besagte Generation Y, vielleicht aber auch einfach irgendein imaginäres Wir, das über Fragen der Applikation nachgrübelt. Ein an sich so kritisch und selbstbewusst durchs Leben schreitendes Wir, das sich alten Lebensformen verweigert und eigene Entwürfe hochbeschwört. Ein Wir, das die vorherrschende Wirtschaftsordnung anprangert, globale Gerechtigkeit fordert, das freie, selbstbestimmte Leben vergöttert. Ein Wir, das gross denkt und Grosses will.

Unser Leben wird lebenswerter – scheinbar

Doch kann dieses Menschentum frei und sich selbst sein, solange es einzig ein Haufen von Anwendern ist? Frei sein können wir so oder so nie, mögen viele einwenden, zu Recht: Gesellschaftliche Zwänge, ökonomische und soziale Bindungen, Habitus, Rituale und so weiter, wir kennen die Bestimmung des Individuums durch die Gesellschaft.

Dennoch, man könnte argumentieren, dass die vielen tausend Applikationen unser Leben dermassen vereinfachen, dass wir uns auf die wahren, und grossen Fragen des menschlichen Seins konzentrieren können. Unser Leben wird lebenswerter, wir können es effizienter gestalten – wenn übrigens auch gerade dieser Effizienz-Gedanke wiederum nicht zu dem hier imaginierten Wir passt, aber das ist ein anderes Thema. Wir könnten sagen, dass wenn wir frei von den lästigen, zeitintensiven und unkreativen Organisations-Aufgaben des Alltags sind, endlich das Grosse anpacken können.

Denken und handeln überfordert uns

Doch Nein, sagt der Pessimist, wie können wir das Grosse denken, wenn wir nicht einmal im Kleinen mündig sind? Wir wenden den ganzen Tag irgendwelche Dinge an, die uns etwas rausgeben, das wir ohne zu hinterfragen annehmen. Dabei merken wir nicht einmal, oder ignorieren es, dass wir vieles über uns preisgeben (Daten, Daten, Daten). Und was, das wir von diesen Anwendungen erhalten, können wir ernsthaft brauchen?

Daraus schliesst der Pessimist weiter: Dieses Anwendertum ist schon so weit fortgeschritten, oder verinnerlicht, dass frei denken und selbstbestimmt handeln uns überfordern. Ohne die vielen Anwendungen sind wir verloren! Wir wissen nicht mehr was machen, nicht mehr wohin gehen, geschweige denn wie. Wir wissen nicht mehr wie kommunizieren, können keine Gespräche Auge in Auge führen. Wir werden schliesslich zu einem Wir von Untätigen, eine schwerfällige Masse, die ständig so gerne etwas anreissen würde, es aber nicht auf die Reihe kriegt.

Selbstversuch ohne Apps?

Das ist ein durch und durch pessimistisches Gedankenspiel, doch wer macht schon einmal einen Selbstversuch, und löst sich eine Woche, ein Monat, ein Jahr von allen Applikationen? Einfach einmal schauen, was passiert, ein Experiment an sich selbst? Das entspräche vielleicht dem Geist einer Generation der Eigenständigen, des hier imaginierten Wirs. Doch stattdessen sagt man sich: «So ist es nun mal, wir sind Kinder dieser Zeit und die technische Entwicklung kann und soll man nicht aufhalten.» Resignation. Und das ist gleichzeitig das Ende eines Anflugs kulturpessimistischen Gejammers.

Text: Andrea Müller, ist keine Pessimistin!! Macht sich aber gerne Gedanken über den sozialen Menschen. Ist 30, Sprachwissenschaftlerin und Ethnologin, freie und unfreie Journalistin, und wohnt in Zürich.

Wer hat in einer Bar nicht selbst schon mal schockiert festgestellt, dass am Tisch nebenan alle Personen gerade auf ihr Smartphone schauten? Und wer hat gleich darauf nicht bemerken müssen, dass es am eigenen Tisch nicht anders ist? Diejenigen Leute, die sich dann in der Runde besonders daran stören, erinnern nostalgisch an eine Zeit, in der sie für soziale Kontakte noch aus dem Haus gehen mussten: «Schaut euch an, wohin wir gekommen sind!» Dabei ist doch einfach deren Akku leer.

Fünf Millionen potenzielle Lover in 192 Ländern

In Gegenwart vieler Schwulen stünden diese Nostalgiker wohl kurz vor der Krise, denn die Smartphones haben das Leben vieler Schwulen grundlegend beeinflusst. Von Fluch bis Segen werden Dating-Apps unterschiedlich beurteilt, jedoch von beiden Lagern gleichwohl benutzt. Die Namen der am meisten verwendeten Apps dürften wohl mittlerweile auch «Nichtschwulen» ein Begriff sein. Dieses Jahr feierte die wohl bekannteste App «Grindr» ihr fünfjähriges Bestehen. Das Prinzip ist simpel, der Impact gross: Erstelle dein eigenes Profil mit einem einzigen Anzeigebild, gib ein paar Angaben über deine Person an und schau dich um. Denn durch die Lokalisationsfunktion siehst du, wer jeweils wie weit weg von dir ist, das heisst die Distanz zu den anderen Usern wird in Metern angegeben und die Profile nach Entfernung zu dir angeordnet. Du kannst mit den anderen Usern Messages und Bilder austauschen oder ihnen deinen genauen Standort schicken. Gemäss Grindr verwenden mehr als fünf Millionen User in 192 Ländern die orange App und circa 10 000 neue User melden sich pro Tag neu an. Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren viele weitere solche Apps, wie Tinder, Hornet oder Scruff. Nicht zu vergessen die international bekannteste Dating-Plattform Planetromeo, die mittlerweile auch auf den App-Zug aufgesprungen ist.

Virtuelle Orte lösen die physischen Orte ab

Doch was führt zu diesem Akku-fressenden Gebrauch dieser Apps? Darüber kann selbstverständlich nur spekuliert werden. So existieren auch verschiedenste Gründe, wozu die App überhaupt gebraucht wird. Die naheliegendste Erklärung dürfte wohl das Bedürfnis nach Kontakten jeglicher Art mit anderen Schwulen sein. Während Heterosexuelle in ihrem Umfeld praktisch ständig davon ausgehen können, dass sie um ihresgleichen sind, müssen sich Homosexuelle an Orte begeben, an denen sie wissen, unter ihresgleichen zu sein. Vor der Smartphone-Ära waren das die diversen Bars, Clubs, Saunen und Cruising-Orte. Letzteres sind Orte, an denen man sich bewegt, durch Blickkontakt auf sich aufmerksam macht und Interesse signalisieren kann. Im besten Fall beisst das Gegenüber an und man verschwindet zusammen irgendwohin – natürlich, um Schach zu spielen… oder so. Diese physischen Orte existieren natürlich heute noch, aber durch das Aufkommen der virtuellen Orte beziehungsweise Plattformen verloren sie an Bedeutung.

Ein Segen für schwule Landeier

Durch die Apps mit Lokalisationsfunktion kann ohne Weiteres überprüft werden, ob nun in der Bar, im Club oder im Park, in dem man sich gerade befindet, andere User der App anwesend sind. Nicht selten wird ein Date auch direkt bei einem der beiden Männern zu Hause vereinbart. Dies löst die Grenzen der «Schwulenwelt», welche einst aus abzählbaren Orten bestand, langsam auf und lässt eine Welt entstehen, in der Treffen überall möglich sind. Gerade für Männer, die nicht in der Nähe der grösseren Städte leben, in denen ein Angebot an Bars und Clubs besteht, können diese Plattformen ein wahrer Segen sein. Im Gegensatz dazu ärgern sich mittlerweile die Einwohner dieser Städte am Fakt, dass sie jeden dritten User bereits kennen.

Das App zur Welt in schwulenfeindlichen Ländern

Eher weniger ein nice-to-have, sondern vielmehr das einzige Tor zu dieser Welt sind solche Apps in Gesellschaften, in denen die Akzeptanz von Homosexualität nicht so weit fortgeschritten ist wie in der Schweiz. Beispielsweise in Ländern, in denen Schwulenbars verboten sind, nur im Untergrund existieren und immer wieder ihre Location wechseln aus Angst entdeckt zu werden. In der Metropole Istanbul, in der Homosexuelle der islamischen Welt wohl die grösste Freiheit geniessen, werden die Gay Dating-Apps zwar geschätzt, von einem gesellschaftlichen Wandel zu sprechen, wäre jedoch verfrüht. So helfen die Apps definitiv, mit anderen Männern in Kontakt zu treten. Dies trägt dazu bei, sich auszutauschen, zu erfahren, wie es anderen mit ihrer Homosexualität ergeht und zu merken, dass man nicht alleine ist. Doch die Dates finden nach wie vor im Geheimen oder manchmal in einer der wenigen Schwulenbars statt, sie sind oft einmalig und beschränken sich auf schnellen Sex.

Ein Vergehen gegen die «allgemeine Moral»

Dass zwei Männer nämlich ihre Beziehung offen ausleben oder sogar zusammen eine langfristige Beziehung aufbauen könnten, ist nach wie vor ein Traum. Das Tabu bleibt eines der grössten in der türkischen Gesellschaft. Ein Zeichen für die Verfestigung des Tabus ist die Zensur, die über die Webseiten gelegt wurde. So wurden zum Beispiel das Planetromeo-Portal und die Grindr-App von der Telekommunikationsbehörde gesperrt wegen Vergehens gegen die «allgemeine Moral»; ein dehnbarer Begriff, der von der Justiz hie und da gegen Menschen eingesetzt wird, die gegen die Sittlichkeit verstossen. Um die Zensur zu umgehen, wird ein VPN-Tunnel verwendet, der einfach gesagt vorgibt, dass das Gerät aus einem anderen Land auf die Webseite zugreift. Dass türkische Schwule nur auf diese Weise die Portale nutzen können, macht sie immer wieder implizit zu Personen, die sich in einer Grauzone der Legalität bewegen. Ihnen wird das Gefühl vermittelt, etwas Illegales zu tun und somit entgegen dem gewünschten Verhalten zu agieren. Das Gebaren der Telekommunikationsbehörde kann nicht immer nachvollzogen werden, da die Entscheide der Gerichte teilweise nicht online publiziert werden und die Behörde selbst ein sehr inkonsequentes Vorgehen aufzeigt. So ist beispielsweise das Planetromeo-Portal nach wie vor über seine IP-Adresse auch ohne VPN-Tunnel abrufbar und die Scruff-App wurde nie gesperrt.

Apps verbinden Menschen

Jedenfalls bestehen wohl Parallelen in der Verwendung solcher Dating-Apps für Schwule in einem westlichen Land wie der Schweiz und in einem muslimischen Land wie der Türkei. So bilden diese Portale eine virtuelle Plattform, die in der Realität nur sehr beschränkt zugänglich ist oder nur inoffiziell existiert. Man öffnet einen Kommunikationskanal, der für die Mehrheit einer Gesellschaft selbstverständlich ist – nämlich den Kanal zu Leuten mit der gleichen sexuellen Orientierung. Die unterschiedlichen Bedeutungen solcher Apps in einer liberaleren und in einer restriktiveren Gesellschaft dürften wohl in Erscheinung treten, wenn man sich diese Apps wieder wegdenkt.

Text: Onur Ogul, SRF-Praktikant, links, kritisch, schimpft sich selbst Humanist und ist angehender irgendetwas Cooles.