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Wer hat in einer Bar nicht selbst schon mal schockiert festgestellt, dass am Tisch nebenan alle Personen gerade auf ihr Smartphone schauten? Und wer hat gleich darauf nicht bemerken müssen, dass es am eigenen Tisch nicht anders ist? Diejenigen Leute, die sich dann in der Runde besonders daran stören, erinnern nostalgisch an eine Zeit, in der sie für soziale Kontakte noch aus dem Haus gehen mussten: «Schaut euch an, wohin wir gekommen sind!» Dabei ist doch einfach deren Akku leer.

Fünf Millionen potenzielle Lover in 192 Ländern

In Gegenwart vieler Schwulen stünden diese Nostalgiker wohl kurz vor der Krise, denn die Smartphones haben das Leben vieler Schwulen grundlegend beeinflusst. Von Fluch bis Segen werden Dating-Apps unterschiedlich beurteilt, jedoch von beiden Lagern gleichwohl benutzt. Die Namen der am meisten verwendeten Apps dürften wohl mittlerweile auch «Nichtschwulen» ein Begriff sein. Dieses Jahr feierte die wohl bekannteste App «Grindr» ihr fünfjähriges Bestehen. Das Prinzip ist simpel, der Impact gross: Erstelle dein eigenes Profil mit einem einzigen Anzeigebild, gib ein paar Angaben über deine Person an und schau dich um. Denn durch die Lokalisationsfunktion siehst du, wer jeweils wie weit weg von dir ist, das heisst die Distanz zu den anderen Usern wird in Metern angegeben und die Profile nach Entfernung zu dir angeordnet. Du kannst mit den anderen Usern Messages und Bilder austauschen oder ihnen deinen genauen Standort schicken. Gemäss Grindr verwenden mehr als fünf Millionen User in 192 Ländern die orange App und circa 10 000 neue User melden sich pro Tag neu an. Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren viele weitere solche Apps, wie Tinder, Hornet oder Scruff. Nicht zu vergessen die international bekannteste Dating-Plattform Planetromeo, die mittlerweile auch auf den App-Zug aufgesprungen ist.

Virtuelle Orte lösen die physischen Orte ab

Doch was führt zu diesem Akku-fressenden Gebrauch dieser Apps? Darüber kann selbstverständlich nur spekuliert werden. So existieren auch verschiedenste Gründe, wozu die App überhaupt gebraucht wird. Die naheliegendste Erklärung dürfte wohl das Bedürfnis nach Kontakten jeglicher Art mit anderen Schwulen sein. Während Heterosexuelle in ihrem Umfeld praktisch ständig davon ausgehen können, dass sie um ihresgleichen sind, müssen sich Homosexuelle an Orte begeben, an denen sie wissen, unter ihresgleichen zu sein. Vor der Smartphone-Ära waren das die diversen Bars, Clubs, Saunen und Cruising-Orte. Letzteres sind Orte, an denen man sich bewegt, durch Blickkontakt auf sich aufmerksam macht und Interesse signalisieren kann. Im besten Fall beisst das Gegenüber an und man verschwindet zusammen irgendwohin – natürlich, um Schach zu spielen… oder so. Diese physischen Orte existieren natürlich heute noch, aber durch das Aufkommen der virtuellen Orte beziehungsweise Plattformen verloren sie an Bedeutung.

Ein Segen für schwule Landeier

Durch die Apps mit Lokalisationsfunktion kann ohne Weiteres überprüft werden, ob nun in der Bar, im Club oder im Park, in dem man sich gerade befindet, andere User der App anwesend sind. Nicht selten wird ein Date auch direkt bei einem der beiden Männern zu Hause vereinbart. Dies löst die Grenzen der «Schwulenwelt», welche einst aus abzählbaren Orten bestand, langsam auf und lässt eine Welt entstehen, in der Treffen überall möglich sind. Gerade für Männer, die nicht in der Nähe der grösseren Städte leben, in denen ein Angebot an Bars und Clubs besteht, können diese Plattformen ein wahrer Segen sein. Im Gegensatz dazu ärgern sich mittlerweile die Einwohner dieser Städte am Fakt, dass sie jeden dritten User bereits kennen.

Das App zur Welt in schwulenfeindlichen Ländern

Eher weniger ein nice-to-have, sondern vielmehr das einzige Tor zu dieser Welt sind solche Apps in Gesellschaften, in denen die Akzeptanz von Homosexualität nicht so weit fortgeschritten ist wie in der Schweiz. Beispielsweise in Ländern, in denen Schwulenbars verboten sind, nur im Untergrund existieren und immer wieder ihre Location wechseln aus Angst entdeckt zu werden. In der Metropole Istanbul, in der Homosexuelle der islamischen Welt wohl die grösste Freiheit geniessen, werden die Gay Dating-Apps zwar geschätzt, von einem gesellschaftlichen Wandel zu sprechen, wäre jedoch verfrüht. So helfen die Apps definitiv, mit anderen Männern in Kontakt zu treten. Dies trägt dazu bei, sich auszutauschen, zu erfahren, wie es anderen mit ihrer Homosexualität ergeht und zu merken, dass man nicht alleine ist. Doch die Dates finden nach wie vor im Geheimen oder manchmal in einer der wenigen Schwulenbars statt, sie sind oft einmalig und beschränken sich auf schnellen Sex.

Ein Vergehen gegen die «allgemeine Moral»

Dass zwei Männer nämlich ihre Beziehung offen ausleben oder sogar zusammen eine langfristige Beziehung aufbauen könnten, ist nach wie vor ein Traum. Das Tabu bleibt eines der grössten in der türkischen Gesellschaft. Ein Zeichen für die Verfestigung des Tabus ist die Zensur, die über die Webseiten gelegt wurde. So wurden zum Beispiel das Planetromeo-Portal und die Grindr-App von der Telekommunikationsbehörde gesperrt wegen Vergehens gegen die «allgemeine Moral»; ein dehnbarer Begriff, der von der Justiz hie und da gegen Menschen eingesetzt wird, die gegen die Sittlichkeit verstossen. Um die Zensur zu umgehen, wird ein VPN-Tunnel verwendet, der einfach gesagt vorgibt, dass das Gerät aus einem anderen Land auf die Webseite zugreift. Dass türkische Schwule nur auf diese Weise die Portale nutzen können, macht sie immer wieder implizit zu Personen, die sich in einer Grauzone der Legalität bewegen. Ihnen wird das Gefühl vermittelt, etwas Illegales zu tun und somit entgegen dem gewünschten Verhalten zu agieren. Das Gebaren der Telekommunikationsbehörde kann nicht immer nachvollzogen werden, da die Entscheide der Gerichte teilweise nicht online publiziert werden und die Behörde selbst ein sehr inkonsequentes Vorgehen aufzeigt. So ist beispielsweise das Planetromeo-Portal nach wie vor über seine IP-Adresse auch ohne VPN-Tunnel abrufbar und die Scruff-App wurde nie gesperrt.

Apps verbinden Menschen

Jedenfalls bestehen wohl Parallelen in der Verwendung solcher Dating-Apps für Schwule in einem westlichen Land wie der Schweiz und in einem muslimischen Land wie der Türkei. So bilden diese Portale eine virtuelle Plattform, die in der Realität nur sehr beschränkt zugänglich ist oder nur inoffiziell existiert. Man öffnet einen Kommunikationskanal, der für die Mehrheit einer Gesellschaft selbstverständlich ist – nämlich den Kanal zu Leuten mit der gleichen sexuellen Orientierung. Die unterschiedlichen Bedeutungen solcher Apps in einer liberaleren und in einer restriktiveren Gesellschaft dürften wohl in Erscheinung treten, wenn man sich diese Apps wieder wegdenkt.

Text: Onur Ogul, SRF-Praktikant, links, kritisch, schimpft sich selbst Humanist und ist angehender irgendetwas Cooles.

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Wieso ich so lange abwesend war? Eigentlich einfach: ich hatte keine Lust zu schreiben. Nicht wegen des Schreibens selbst, aber weil ich nicht in der Stimmung war lustige oder verrückte Sex-Geschichten zu erzählen. Was ich fälschlicherweise für den Hauptinhalt einer solchen Kolumne gehalten habe. Daher jetzt mal was anderes. Ich öffne mich auf der Gefühlsebene und lasse euch Leser ein wenig näher an meine Persönlichkeit. Dabei würde ich gerne etwas herausfinden: Glaubt ihr, dass offene Beziehungen funktionieren? Dies kommt nicht von Ungefähr.

Ich habe Jemanden kennengelernt. Ich nenne sie Marge. Englisch ausgesprochen klingt es wie März, dem Monat in dem ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Beim ersten Date haben wir uns geküsst, uns also gut verstanden und attraktiv gefunden. Beim zweiten Date hatten wir zum ersten Mal Sex. Wenn ich ehrlich bin haben meine “Affären” meist genau so begonnen: Schnell zum Sexuellen wechseln und wenn es stimmt, dann so weitermachen. So war es auch bei Marge. Es hat für Beide gestimmt. Sie kam aus einer Beziehung und wollte frei sein. Ich fand sie super heiss und genoss die Zeit mit ihr.

Dabei blieb es vorerst auch. Ich traf weiterhin neue & bereits bekannte Frauen. In dieser Zeit begann ich auch mit dem Schreiben dieser Sexkolumne. Sie war frei und genoss die Aufmerksamkeit, die eine so attraktive Single Frau bekommt. Diese Konstellation kennen einige von euch sicherlich auch. Man trifft sich mit Jemanden, geniesst die Zeit zusammen, spricht aber nicht gross darüber was der Andere jeweils noch treibt. Man versteckt nicht, dass man noch andere Menschen trifft, aber gross darüber diskutiert wird nicht. Wer sich dann verliebt hört automatisch auf andere Menschen zu treffen und konzentriert sich auf die/den Eine/n. Dann kommt der Wechsel in die Beziehung oder man lässt es bleiben weil nicht Beide gleich weit waren. Nur so simpel ist dies ja meist nicht…Daher kehren wir zurück zur Frage ob offene Beziehungen funktionieren. Die Option für Paare, die sich nicht trennen wollen aber auch nicht in einer geschlossenen Beziehung sein wollen. Ich definiere eine solche offene Beziehung als ein Paar, dass sich verliebt hat und zusammen ist, aber trotzdem weiterhin andere Menschen für Sex trifft wenn es sich denn ergibt. Ansonsten wäre es eine Affäre bei der sich zwei Menschen ohne Verpflichtungen und “Spielregeln” treffen, aber gleichzeitig andere Sexualpartner haben. Mit dem Hintergedanken ― seien wir ehrlich ― dass man Jemanden besseres findet.

Wer hier den Kopf schüttelt, soll doch seine Meinung in den Kommentaren niederschreiben. Es interessiert mich, was du dazu denkst. Ich kann hier nun vorgreifen. Eine offene Beziehung funktioniert meiner Meinung nach nicht auf die Dauer. Sie setzt voraus, dass sich Beide in etwa gleich fest/wenig binden wollen und gleich fest lieb haben. Was meiner Erfahrung nach kaum vorkommt. Marge hatte schneller starke Gefühle für mich, wobei ich den meinen einfach nicht gleich schnell bewusst war. So kam es zu schmerzhaften Auseinandersetzungen und Dramen für uns Beide. Wir zogen einen Schlussstrich nach dem anderen. Es waren jedoch die doch vorhandenen Gefühle und das Vermissen, dass mich wieder zu ihr trieben und ich es wieder versuchen wollte. Bis ich Marge kennenlernte konnte ich gut abschliessen und Frauen lassen. Bei ihr war das keine Option. Für das war sie zu interessant, herzlich und schön. Affäre, offene Beziehung und dann eine richtige Beziehung. Ein langsames Antasten, das hätten wir gerne gewollt. Aber das Hin & Her war bereits eine zu grosse Belastung.

Also kam uns die Idee einer offenen Beziehung, bei welcher der Partner über Sex mit einer anderen Person informiert ist. Ich habe mich anschliessend mit Jemand anderem getroffen, was für Marge ok war. Wobei sie aber wohl hoffte, dass es bei einem Mal bleibt. Sozusagen ein get-it-out-of your-system-Deal. Ich merkte aber, dass für mich eine offene Beziehung weiterhin ok ist. Die Gründe dafür sind mir nicht ganz klar. Meine Gefühle für Marge haben nicht abgenommen, aber der Zweifel wurde grösser ob überhaupt eine geschlossene Beziehung daraus entstehen kann. Wir haben Beide einsehen müssen, dass bereits ein zu grosses Missvertrauen entstanden ist und ein zu grosser “Schaden” angerichtet wurde. Unter solchen Umständen führt man sich gegenseitig nur zu grosse Schmerzen zu und muss sich ehrlich fragen ob man nicht aufhören soll sich freiwillig das Messer in die Brust zu rammen. Wer eine offene Beziehung nicht sorgfältig aufgleist und ähnliche emotionale Bedürfnisse hat, sollte es lieber lassen. In unserem Fall haben wir uns entschieden die Beziehung zu beenden da ein Wechsel in eine geschlossene Beziehung unter diesen Umständen nicht mehr möglich ist. Das tut weh, noch immer. Klingt vielleicht komisch in diesem Kontext aber ich wurde noch nie von einer Person so sehr geliebt und habe gleichzeitig noch nie Jemanden so sehr verletzt. Das Einzuordnen ist nicht leicht und sich nichts anmerken zu lassen & einfach eine weitere happy-go-lucky Kolumne zu schreiben war für mich keine Option. Daher; danke für’s Zuhören.

 

Es war einmal vor langer Zeit: Sokrates und Platon sassen auf einer Säule und tranken Wein. Doch Sokrates sprach: «Dieses Geschreibe macht das Denken der Menschen kaputt!» Sokrates war ein Anhänger des gesprochenen Wortes, nie schrieb er etwas nieder. Und das mit gutem Grund: Der alte griechische Philosoph war der erste bekannte Kulturpessimist.

Damals wie heute ist es das Gleiche: Ein neues Medium taucht auf und all jene, die es sich mit der etablierten Technik bequem gemacht haben, beginnen mit der Angstmacherei. So wie Sokrates Angst vor dem Phantasie-Zerfall durch das Buch hatte, ging es weiter: Der Buchdruck war ein Arschloch, die Tageszeitung wurde verteufelt, das Kino wurde in die Schmuddelecke gedrängt, fernsehen mache dumpf und viereckige Augen, Internet sei sowieso schädlich.

UND JETZT DAS SMARTPHONE! Dieses kleine Gerät kombiniert offenbar alles Böse: Immer erreichbar, immer ablenkbar, immer alle Informationen verfügbar. Dieses kleine Gerät piepst und leuchtet und unterbricht fortlaufend die Aufmerksamkeitsspanne.

Das grosse Neue und Unbekannte löst immer Unbehagen aus. Die Kultur gehe verloren, die Kreativität werde eingeschränkt, der Intellekt überfordert – so lauten die Sorgen der Kulturpessimisten, wenn ein neues Gerät oder eine neue Technik das Leben der Menschen vereinfacht.
Die aufgezählten technischen Fortschritte sind jedoch längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wenn Sokrates wüsste, dass der Satz «Lies doch mal wieder ein Buch», als etwas kulturell Hochstehendes gilt, er würde sich im Grab umdrehen. Doch genauso ist es: Das Buch, die Tageszeitung und das Kino verkörpern heute Kultur, Anstand, Bildung und Niveau. Sie seien Gegentrends zur «immer schneller werdenden Welt». Letztlich sind Bücher und Kinotickets zu Statussymbolen geworden.

Der Buchdruck war ein Arschloch, Die Tageszeitung wurde verteufelt und das Kino wurde in die Schmuddel–Ecke gedrängt.

Vielleicht ist es letztlich eine Machtfrage, dass neue Informationstechnologien verteufelt werden, weil Wissen und Information immer mehr Menschen zugänglich sind.
Mit seinen legendären Dialogen erreichte Sokrates nur einige wenige Menschen. Mit dem Buch, der Zeitung, dem Kino, dem Fernsehen und vor allem mit dem Internet und dem Smartphone sind plötzlich mehrere Milliarden Menschen erreichbar. Dies hat zwangsläufig eine Machtverschiebung zugunsten des Volkes als Konsequenz (#crowdsourcing). Warum sperrt Erdogan Twitter, wenn die Proteste wieder losgehen? Und: Auch wenn das Chaos in Ägypten weitergeht: Ohne Internet, ohne Smartphones und ohne Apps wäre Mubarak noch immer an der Macht.

Wer stört sich am ehesten an einer «Verrohung der Kultur»? Sicher nicht jene, die grundsätzlich und auch technisch bedingt unter einem Informationsrückstand leiden. Mit allen neu entwickelten Medien wurde der Informationsvorsprung der Elite kleiner. Und gleichzeitig die Mündigkeit des Volkes gestärkt.

Klar, auch vor Guttenbergs Erfindung las nicht jeder stapelweise, der Zugang zu Büchern hatte. Doch er hatte die Wahl, die Möglichkeit zu lesen, sich zu bilden und weil er schreiben konnte, lag sogar eine Replik im Rahmen des Möglichen. Der Punkt ist: Je weiter sich die Eintrittsbarrieren in die gesellschaftlichen Diskussionen senken – und das tun sie mit jeder technischen Neuerung – können mehr Menschen ihr Recht auf Partizipation geltend machen.

 

Bild: Silvia Gallart

Beim Duell stehen sich in jeder Ausgabe Peter Werder und ein Mitglied der Redaktion zum aktuellen Thema der Ausgabe gegenüber. Heute: über Apps, Wifi und Weltverbesserer.

Peter Werder

Wenn das Leben eine App ist, kommt von Ihnen sicher bald die Forderung, Apps dürften nichts kosten.

Conradin Zellweger

Apps dürfen von mir aus was kosten. Das ist ein recht grosser Markt geworden. Vielleicht der mit der höchsten Wachstumsquote überhaupt.

Peter Werder

Ich bin grad irritiert: Das Wort Markt aus Ihrer Feder – haben Sie das Lager gewechselt? Oder haben Sie einfach das Wort Regulierung vergessen?

Conradin Zellweger

Wissen sie Herr Werder: Erstens schreibe ich nicht mit der Feder, sondern bin mit dem 10-Fingersystem aufgewachsen. Zweitens bin ich durchaus der Meinung, dass Medien- und Kommunikationsangebote etwas kosten dürfen. Die SBB-App ist übrigens mein Favorit. Ich kaufe mittlerweile alle Billete über diese App. Irgendwie komisch, dass es im HB Zürich wie auch im Flughafen Zürich kein gratis WLAN gibt.

Würde ja nicht gehen, dass nur die Reichen atmen dürfen.

Peter Werder

Ah – jetzt hab ich Sie! Wenn das Leben schon eine App ist, muss Wifi überall gratis sein. Das ist dann wie die Luft zum Atmen. Korrekt? Würde ja nicht gehen, dass nur die Reichen atmen dürfen.

Conradin Zellweger

Ja. Gratis Wifi finde ich fortschrittlich und wichtig. Ich bezahle gut 60 Franken monatlich für mein Flatrate-Internet. Das ist doch ein ziemlich happiger Betrag, vor allem für jemanden, der mit weniger als dem Mindestlohn die Familie durchbringen muss.

Peter Werder

Stimmt. Das ist happig. Hab dazu grad einen Artikel gelesen. Titel: First World Problems.

Conradin Zellweger

Errungenschaften wie Wikipedia, die vollkommen gratis sind (für den kompletten Brockhaus hätte wohl ein Monatslohn von mir nicht gereicht), sind ein kollektives Gut. Geschrieben von der Community und gratis nutzbar für die Community. Die einzigen, die an Wikipedia verdienen, sind Swisscom & Co.

Ich fordere gratis Wifi. Schweizweit, Internet für alle.

Peter Werder

Finde ich super, dass das alles gratis ist. Das geht aber auch nur, weil Leute dafür gratis arbeiten. Wenn Sie also Free Wifi wollen, müssen Sie Leute finden, die das planen, umsetzen, in Betrieb halten, die Geräte liefern – und das alles gratis. Tun Sie doch mal was Gutes und stellen Sie sowas auf die Beine – statt immer nur Umverteilung zu fordern.

Conradin Zellweger

Gut. Ganz konkret: Ich fordere gratis Wifi. Schweizweit, Internet für alle. Internet ist DIE Errungenschaft für Informationsgleichheit und längerfristig auch für Chancengleichheit. Ein Programmierer aus einem chinesischen Kaff hat die gleichen Chancen wie wir in der Schweiz. Vorausgesetzt, er hat Internet. Und da diese Gleichheit noch nicht einmal in der Schweiz herrscht, müssen wir mit dem gratis Zugang beginnen.

Peter Werder

Information ist nicht gleich Wissen. Zu meinen, mit dem Zugang zu Information bestehe Chancengleichheit im Rahmen der Wissensaufnahme, ist ein Irrtum. Aber mal abgesehen davon: Was tun Sie dafür? Besser gesagt – mit Ihren eigenen Worten: Wenn es Sie stört, wieso tun Sie nichts dagegen? Wer setzt es um – gratis?

Wie wär’s mit einem freiwilligen Internet-für-alle-Batzen aus der SP-Kasse?

Conradin Zellweger

Das Argument mit der teuren Logistik zählt nicht. Wir subvenitionieren zwar ein Glasfasernetz, aber Internet steht nicht allen zur Verfügung. Das finde ich unlogisch. Und immerhin besteht mehr Chancengleichheit als bei ungleichem Informationszugang. Nur, weils danach nicht 100% gerecht ist, wollen wir doch nicht auf dem momentanen Stand bleiben.

Peter Werder

Lustig – sobald es konkret wird, sobald Sie und Ihre Weltverbessererkollegen sich die Hände schmutzig machen müssen, sobald Sie nicht einfach den andern was wegnehmen können, sondern selber arbeiten müssen, wird es vage. Ich frage nochmals: Wer soll das Free Wifi gratis erstellen? Wieso gründen Sie nicht ein WLAN-Heks, eine Wifi-Glückskette? Wie wär’s mit einem freiwilligen Internet-für-alle-Batzen aus der SP-Kasse?

Conradin Zellweger

Sie können sich schon über Glückskette, Gutmenschen & Co lustig machen. Immerhin versuchen die etwas umzuverteilen. Sie hingegen klammern sich nur an die bestehende Ordnung und haben das Gefühl, Sie seien der einzige, der arbeite. Mein Beitrag an das Ganze: Ich fordere immerhin freies Internet und ich will nicht bei dieser veralteten, unfairen Verteilung bleiben, wo Begütete Zugang haben und die anderen nicht. Ich könnte eine Volksinitiative dazu starten. Sie würden sicherlich unterschreiben. Habe ich recht?

Solche Aussagen zeigen doch nur, wie weit weg Sie schon von der Realität sind.

Peter Werder

Nein, natürlich nicht. Was heisst denn Begütete? Meinen Sie damit Menschen, die voller Ehrgeiz und mit Interesse durchs Leben gehen und dabei noch viel verdienen? Wohl kaum. Sie denken immer noch, wer mehr als 5000 Franken pro Monat verdiene, sei ein Räuber, dem man möglichst viel wegnehmen und den andern geben müsse. Es gibt in der ersten Welt eine gewisse Freiheit, sich für ein Lebensmodell zu entscheiden. Da soll man auch die Konsequenzen tragen. Wem es wichtig ist, der kann sich ein Wifi leisten. Solange Leute, die eine Prämienverbilligung erhalten, sich eine Zusatzversicherung leisten können, sehe ich in unserem Land keine systemischen Probleme. Und wenn Sie Free-Wifi wollen, dann gründen Sie einen Verein. Seien Sie kreativ und verteilen Sie nicht einfach alles um. Umverteilung ist Raub in sozialdemokratischem Mänteli. Dauerbesorgte Gesichter, die naiv und mit schlechtem Gewissen meinen, die Ethik für sich gepachtet zu haben.

Conradin Zellweger

Sie glauben wirklich, dass Leute, die unter 5000 Franken verdienen, einfach nicht mehr tun wollen? Solche Aussagen zeigen doch nur, wie weit weg Sie schon von der Realität sind. Irgendwo in ihren teuren Massanzügen am Bürotisch sitzend und nicht mal wissend, wie viel Sie für Ihren Internetanschluss bezahlen. Aber wechseln wir das Thema: In Estland sind 90 Prozent des Landes mit gratis Internet abgedeckt. Versuchen wir doch auch mal, eine fortschrittliche Lösung zu finden, die weiter als der eigene Gartenzaun reicht.

Peter Werder

In Estland haben Sie eine enorme Ballung von Armut in den ländlichen Regionen und von Wohlstand in den Städten. Estland ist wahrlich ein schlechtes Beispiel für Chancengleichheit. Aber abgesehen davon: Ich gehe nicht davon aus, dass sich alle verwirklichen können – dass alle soviel verdienen, wie sie wollen. Und ich gehe genauso nicht davon aus, dass alle, die viel verdienen, ungerechterweise viel verdienen. Mein Prinzip ist ein anderes als Ihres, deswegen will ich nicht noch mehr Umverteilung. Es genügt! Wir verteilen schon genug um. Deswegen nochmals: Tun Sie was, wenn Sie Free-Wifi wollen, und machen Sie nicht einfach die hohle Hand.

 

Text: Conradin Zellweger und
Dr. Peter Werder ist bürgerlicher Politiker, Dozent an der Universität Zürich und leitet die Kommunikation eines Konzerns im Gesundheitswesen.

 

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Ein Interview mit Koni Wäch, Präsident von Eve & Rave Schweiz, über Drogen, Medikamentenmissbrauch und Drogenliberalisierung.

Was hast du an der Streetparade gemacht?
Koni Wäch:
Normalerweise sind wir an der Streetparade mit unserem Info-Stand oder als Helfer bei anderen Institutionen unterwegs. In diesem Jahr machte ich mir ein Bild von der Parade: Ich holte mir beispielsweise Infos an einem anderen Drogenstand über neue Substanzen, die getestet wurden.

Weisst du, warum ich das frage?
Weil es der Big-Event ist?

Ja, und weil es mich wundernimmt, ob ein Drogenexperte an der Drogenparty schlechthin arbeitet oder selbst sein Bewusstsein erweitert.
Am Abend war ich schon auch im Ausgang – diesmal nüchtern (lacht).

Was macht Eve&Rave? Kann ich bei dir Kokain kaufen?
Nein, kannst du nicht. Aber du kannst dich über Koks informieren. Wir setzen uns für einen eigenverantworteten und bewussten Drogenkonsum ein. Wir informieren über Saver-Konsum, organisieren Weiterbildungen, klären Clubpersonal auf… Zudem betreiben wir das grösste deutschsprachige Drogenforum.

Eve & Rave will für einen aufgeklärten Drogenkonsum sorgen. Warum machst du das? Da muss es doch ein persönliches Interesse geben.
Ja, klar. Bei all unseren Mitgliedern gibt es ein persönliches Interesse: Szene-Kenner, die sich da einsetzen möchten oder auch Beobachter, die wissen wollen, was sich Drögeler schmeissen. Wir haben auch Leute, die sich anmelden und Fragen stellen, weil sie sich um den Konsum in ihrem Umfeld Sorgen machen und so zum Verein stossen.

Wie kamst du zu Eve & Rave?
Als Jugendlicher stiess ich auf das Forum und las da über Substanzen, deren Name ich kaum aussprechen konnte. Irgendwie hat mich das fasziniert. Ich begann viel über Drogen und deren Chemie zu lesen, noch lange vor meinem ersten Rausch.

Woher nimmst du das Hintergrundwissen, das es für deine Arbeit braucht?
Nicht alle, die bei uns arbeiten brauchen die gleiche Wissenstiefe. An Parties beantworten wir auch chemische Fragen, aber nicht nur. Einiges ist auch zu kompliziert. Von Fachstellen holen wir uns Informationen, einige arbeiten auch neben Eve & Rave in einem verwandten Bereich und nehmen da viel Know-How mit. Jene mit weniger Hintergrundwissen sind dafür anderweitig begabt und betreuen zum Beispiel Konsumenten, die einen Bad-Trip haben

Die Forum-Beiträge sind sehr aktuell, andere Seiten der Webseite sind schon über 12 Jahre nicht mehr aktualisiert worden. Überlasst ihr die Plattform sich selber?
Das ist ein wunder Punkt – wir sind gerade dabei, eine neue Webseite zu erstellen. Das Problem, welches zu veralteten Beiträgen führt ist die Zeit. Weil alle Aktiven freiwillig und nebenberuflich tätig sind, müssen wir Prioritäten setzen. Freiwilligenarbeit erfordert manchmal sehr viel Geduld …

Das Forum wird nicht sich selber überlassen. Auch wenn wir stark auf User-Generated-Content setzen, moderieren täglich mehrere Personen das Forum: Da werden zum Beispiel Adressen von Dealern gelöscht und Personen mit krassen Konsummustern angeschrieben.

Eure Einsätze an Parties und die Aufklärung können Leben retten. Können Fehler auch tödlich sein?
Ja, das ist so. Bei den offiziellen Informationen, die wir weitergeben, können wir die Richtigkeit garantieren – Beispiel Pillenwarnungen. Im Forum gilt aber das Prinzip der Eigenverantwortung, weil wir nicht alles kontrollieren können. Bis jetzt ist uns aber noch kein solcher Fall bekannt.

Wie macht ihr auf die Gefahren aufmerksam?
Wer Substanzen konsumiert, setzt sich immer einem Risiko aus; jemand kann zum Beispiel allergisch auf ein Streckmittel reagieren. Wir versuchen die Leute vor allem präventiv zu erreichen, um damit einem übermässigen Konsum vorzubeugen. Wenn Partygäste sich nach dem Konsum nicht wohl fühlen, können wir sie bis zu einem bestimmten Grad betreuen; insbesondere wenn sie einen Bad Trip haben. Wir haben aber keine spezifische medizinische Ausbildung und ersetzen keinen Sanitätsdienst. Wenn jemand stark überdosiert ist und sich in einem bedenklichen Zustand befindet, dann ist das ein Fall für den Notarzt.

Im Forum ist es nicht selten, dass grober Mischkonsum von harten Drogen empfohlen wird. Ist das nicht saugefährlich?
Empfohlen wird es nicht – aber realistisch darüber geschrieben. In der Regel wird aber von einem Moderator oder einem anderen User darauf hingewiesen, dass ein solcher Mischkonsum mit Gefahren verbunden ist. Wir wollen den Fokus auf Saver-Konsum legen. Die Selbstkontrolle im Forum funktioniert gut, wir haben nur sehr wenige extreme Fälle.

Wie stehst du zur Liberalisierung von Drogen?
Als erster Schritt wollen wir die Entkriminalisierung des Drogen-Konsums. Die heutige Repression bringt nichts. Andere Länder zeigen, dass präventive Information mehr bringt als sinnlose Kriminalisierung. Klar ist, dass es zur Leglaisierung von vielen Drogen ein langer Weg ist. Aber mit einem guten Programm sollte man sich da ran wagen.

Die heutige Drogenpolitik ist völlig realitätsfremd. Dass konsumiert wird, ist eine Tatsache, mit unserer Aufklärung wollen wir den Schaden minimieren. Die polizeiliche Repression bewirkt das Gegenteil.

Was ist für dich Drogenmissbrauch?
Wir reden meistens bei Medikamenten von Missbrauch – das polarisiert stark. In den Lernphasen haben wir viele Anfragen von Studis, ob sie mit Ritalin wirklich besser lernen können. Sie wollen ein Medikament missbrauchen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.  Für mich ist Missbrauch, wenn in den Konsum eine gewisse Regelmässigkeit reinkommt und der Genuss nicht mehr im Zentrum steht.

Info: Das Forum Eve & Rave wurde 1999 gegründet, um im Verein miteinander kommunizieren zu können. Mittlerweile ist es das grösste deutschsprachige Drogenforum.
Eve & Rave arbeitet mit Institutionen wie saferparty.ch und raveitsafe.ch zusammen.

Die Ansichten der Politiker kennt man- nun geht es drum, eine eigene Meinung zu bilden. In Begleitung von Bier und zusammen mit engagierten Personen aus dem Zürcher Leben werden die bevorstehenden Abstimmungen diskutiert.

Diesmal zur Debatte: Initiative für die Einheitskrankenkassen und die kantonale Vorlage für mehr bezahlbaren Wohnraum.

Wann & Wo: Am 5. September um 20 Uhr im Karl der Grosse

Auf dem Podium:
Philipp Meier, Milieu König und Social Media Manager bei watson; Kafi Freitag, fragfraufreitag.ch; Rino Borini, Chefredaktor «PUNKT Magazin». Moderation: Simon Jacoby, Redaktor «dieperspektive».