Scheiss Technik! - wir haben den Link verbockt
Sackgasse - hast du den Link richtig geschrieben?
du kannst zu Homepage

UNSERE NEUSTEN ARTIKEL

Eigentlich komisch, von den Anderen in der Klasse hatte vorher niemand den Namen Aleksa gehört oder gelesen, ausser natürlich auf der Klassenliste, wo er seit Anfang des Schuljahres wie ein Fehler der Schulleitung gestanden hatte. Für mich war Aleksa ein warmer Name, der meiner Lieblingstante.

Unser neues Klassenzimmer unterschied sich kaum von dem im vorherigen Jahr: Ein Raum mit grauweissen Wänden, die kahl waren, abgesehen von ein paar Klebestreifenresten. An diesem Montag, eine Woche nach Beginn des Schuljahrs, machte der Raum jedoch einen befremdlichen Eindruck auf mich. Um den Geruch der Fünftklässler zu vertreiben, die hier die Doppelstunde vor uns Vertretung gehabt hatten, war das grosse Fenster geöffnet worden. Es klaffte wie eine Wunde zum dunstigen Himmel hin. Eine kühle Septemberbrise verirrte sich herein und brachte mich zum frösteln. Auch das Mädchen am Pult zog sich seinen Filzmantel enger um den Körper. Sie schaute, leicht angelehnt, aus dem Fenster, so dass ich ihr Gesicht im Profil sehen konnte. Es war still. Hinter mir diskutierte Lena halblaut mit zwei anderen Mädchen. Ich wusste nicht, worüber sie sprachen. Daneben döste Matze mit dem Kopf auf dem Tisch. Die Neue hatte ein rundliches Gesicht und ein kleines Ohr. Sie atmete kaum sichtbar, stand da wie eingefroren und nur der Wind bewegte eine Strähne ihres fahlen braunen Haares, die hinter ihrem Ohr hervorgerutscht war.

Ich war erleichtert, als der Klassenlehrer endlich kam. Ein runder, schnaufender Mann mit dünnem Schweissfilm auf der Stirn und gelbem Hemdkragen unter grauem Pullover. Er blieb kurz im Türrahmen stehen und nahm die Gemengelage im Klassenraum mit Kennermiene wahr. (Er unterrichtete Geographie). Dann schaute er leicht irritiert auf seine Armbanduhr und verzog das Gesicht wie unter einem kurzen aber heftigen Schmerz, schnüffelte mit erhobener Nase und ging in Richtung Fenster. Ob die Klasse seinem Eintreten wohl je eine solche Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen, wie an diesem Vormittag? Unsere Blicke schienen seine Arme und Beine als zähen Brei zu umgeben, während er mit trotzigen Schritten den Raum querte. An der Fensterseite angekommen, schloss er mit einer unerwartet ruckartigen Bewegung das grosse Fenster und drehte sich zu uns um. Auch Aleksa drehte ihren Kopf, so dass ich zum ersten Mal ihre beiden Augen sah.

 Ich musste husten und wurde rot.

Neben dem Klassenlehrer stand ein Mädchen mit braunem, glatten Haar und einem etwas rundlichen Gesicht. Sie schaute an die Wand hinter uns und kniff die Lippen leicht zusammen. Der Platz neben mir war frei. Der Lehrer nickte ihr kurz zu und sagte mit fester Stimme: „Heute freue ich mich besonders, Aleksa in der Klasse begrüssen zu dürfen.“ Eine Szene aus einem Kinderbuch – die kurze Stille, die darauf folgte, wollte gestört werden. „Alaska!“, rief Matze, halblaut, es wirkte spontan, ohne grosses Nachdenken. Lena kicherte. „Sie kommt aus dem Ort Norden,“, fuhr der Lehrer mit erhobener Stimme fort, „das liegt an der Nordsee.“, ein paar lachten, manche laut, andere mehr in sich hinein – nicht, dass es einen Unterschied machte. Aleksa und der Lehrer lachten nicht, er sagte irgendwas von Wohlfühlen und Mitnehmen. Ich musste husten und wurde rot.

Tante Aleksa war früher immer die einzige gewesen, von der ich mir gern über meine strähnigen blonden Haare hatte streicheln lassen. Sie war dabei nicht so grosszügig grob oder hilflos affektiert wie die anderen Erwachsenen. Ich hatte meinen Onkel Anton einmal sagen hören, dass Tante Aleksa ein Mensch mit Hand und Fuss wäre, ihre Argumente aber ein grosses Mitteilungsbedürfnis hätten. Meine Eltern nannten das einen Anton-Witz. Seit ich ihn verstand, mochte ich seine Aussagen, gerne verdrehte er seine Worte scheinbar achtlos, da durfte man nicht drauf reinfallen. Nur was daran witzig sein sollte, wusste ich nicht. Eigentlich fand ich, dass er die Sache durch seine Verdreher oft besser traf als die anderen.

An diesem Montag im September sass ich still und fand das ganze verdriesslich. Auch weil ich Matze eigentlich mochte, und es mir peinlich war, dass er da gerufen hatte. Er brauchte das nicht, das wusste ich. Wir waren zusammen zur Grundschule gegangen, teilten auch später ein Stück Schulweg. Wenn ich mit ihm alleine war, war er ganz anders, manchmal fast schon nachdenklich und erschreckend humorlos, fast langweilig, und wenn er damals beim Kommunionsunterricht das einzige Kind gewesen wäre, hätte er die Erstkommunion wahrscheinlich auch nicht verweigert. Nicht, dass das mich gestört hätte…

Ich lachte also nicht, auch weil Aleksa neben mich gesetzt wurde, mir zugewiesen. Ich schaute auf meine Hände, als sie sich neben mich setzte. Dann schaffte ich ein Lächeln, schaute auf ihre Nasenspitze und sagte: „Hi“.

Ich dachte: glücksuchend, und – was wir ihr alle neideten – irgendwie freier als wir.

Sie nannten sie Alaska und ein wilder, eisiger Ruf wurde ihr mit dem Namen mit gegeben. Ich nannte sie Aleksa, auch wenn sie nicht dabei war, und allein schon deswegen ging eine Spur ihres Rufs auf mich über. Die anderen sagten, sie wäre rücksichtslos. Ich dachte: glücksuchend, und – was wir ihr alle neideten – irgendwie freier als wir. Sie war kräftig, nicht im Sinne von dick, sondern stark. Zugleich dünn, aber nicht wie die Mädchen, die in der Pause auf den Heizkörpern am Fenster sassen, nicht wie Lena und ich. Onkel Anton hätte wahrscheinlich gesagt, dass Aleksa ein Mädchen mit rückgratiger Stärke war.

Einmal versuchte ich, ihr Gesicht zu zeichnen. Aber auf der Skizze wirkten ihre Backen und selbst die Nase und die Lippen irgendwie ausgebeult. Ich konnte ihre Geometrie nicht festhalten. Das Gesicht und die glatten Haare – das war alles nur Kulisse für ihre Augen, auch sie braun und ganz unbegreiflich. Sie gaben mir ein Gefühl, als könnten sie mich sehen; und all ihre Gesichtsausdrücke, ihre Worte, selbst die Körperhaltung waren wie mit dünnen Fäden mit diesen Augen verbunden, und entstanden und zerfielen nur für sie.

tumblr_n3k2uusYDg1rjlm07o1_500Der Arzt hatte gesagt, ich sollte rudern. Das würde meinen Rücken stärken. Ich fragte Aleksa, und sie kam mit zum Training. Schnell entwickelte sie mehr Ehrgeiz als ich. Mit gleichmässigen Ruderschlägen stemmte sie sich gegen das dunkle Seewasser. Im Zweier hinter ihr sitzend bewunderte ich die rhythmische Bewegung ihres Rückens und ihr Haar, das haselnussbraun leuchtete, wenn es nass war.

Manchmal dümpelten wir nach dem Training nahe des Ufers herum und planschten mit den Händen im Wasser. Ich sass hinter ihr im Boot und konnte ihr Gesicht nicht sehen. Wenn Aleksa sprach, versuchte ich, sie mir mit anderen Augen vorzustellen: mit wässrig-blauen oder mit blinzelnden Rehaugen, oder ganz ohne. Einmal später, als wir bei mir im Zimmer sassen, schloss ich meine Augen, und versuchte ihre Stimme zu der einer Fremden zu machen. Dann berührte sie mich leicht an der Schläfe, strich mir eine blonde Strähne vor mein Gesicht und sagte: „Anna! Die Sonne ist aufgegangen.“ Das alles natürlich nur, wenn wir alleine waren.

Alaska, sagten sie, hätte Lena im Sportunterricht die linke Speiche gebrochen, wahrscheinlich absichtlich, beim Aufwärmspiel.

Sie nannten sie Alaska. Alaska, sagten sie, hätte Lena im Sportunterricht die linke Speiche gebrochen, wahrscheinlich absichtlich, beim Aufwärmspiel. „Lena ist gegen die Wand gelaufen“, sagte ich. „Beim Badminton hinterher wäre es schlecht gegangen“, sagte Aleksa. Wir sassen auf meinem Bett. Sie mit meiner Gitarre auf dem Schoss, zupfte an den Saiten. Kein Ton passte zum nächsten. Ein wunderliches Netz aus Missklängen lag in der Luft. Wir lachten.

Alaska, lernten wir im Englischunterricht, wurde im Jahr 1867 für 7,2 Millionen Dollar von Russland an die USA verkauft. Das Komma schien dem Referendar im gestreiften Wollpulli wichtig zu sein. Wir machten es ihm nicht leicht – die Klasse war unruhig. „Das kann man sich heutzutage kaum vorstellen“, sagte er beschwichtigend, „das war eine andere Zeit.“

Im Januar machte Lena den Vorschlag, mich Kanada zu nennen. Da war sie seit Silvester offiziell mit Matze zusammen und noch übermütiger als sonst, aber es setzte sich nicht durch. Auch, so bildete ich mir ein, weil Matze nicht darauf angesprungen war. Ich sah ihn kaum mehr ausserhalb der Schule, er ging einen anderen Weg, oder zu Lena.

Aleksa meinte Mitte April, es wäre Zeit, über den Sommer nachzudenken. Es war nach dem Training und einer der ersten richtig warmen Tage. Wir schwammen noch eine Runde im See, der blau-weisse Zweier lag tropfend auf dem Holzsteg. Wir könnten mit Zelt und Kanu eine Flussreise machen, schlug sie vor. Man könnte von Berlin bis Hamburg fahren, ohne das Boot einmal umsetzen zu müssen. Ich nickte eifrig und strahlte. „Der letzte trocknet das Boot!“, rief sie und drückte mich unter Wasser, ich kam prustend wieder an die Oberfläche und nahm die Verfolgung auf. Später lagen wir in der Sonne und redeten über unsere Familien. „Meine Mutter“, sagte Aleksa, „ist eine russische Adlige“. Sie sprach nicht von der wortkargen Frau, die uns später mit dem Auto vom Ruderhaus abholte. Das Spiel war einfach.

Einige Wochen darauf zeigte Aleksa mir ihr neues Zelt, ein grünes Iglu. In diesem Moment begriff ich, dass es Aleksa ernst war mit der Kanutour. Ich fühlte mich krank, hatte ein Drücken im Bauch. Ich sagte ihr, dass mir schlecht wäre, und ging. Meine Eltern hatten die Ferienwohnung auf der Peloponnes bereits im März gebucht.

In der Schule wurde es schlimmer. Um Aleksa wuchs eine Blase aus Angst und Achtsamkeit. Manchmal fühlte ich mich wie ein Eistaucher, wenn ich in der Pause mit ihr sprach. Um mich zu verabreden, schrieb ich ihr die Rudertermine lieber über Whatsapp. Ich schien von einem Traumzustand in den nächsten zu wechseln, von der Schule zum Rudern, vom Rudern nachhause. Die verschiedenen Teile meines Lebens waren durch eine unsichtbare Seifenhaut getrennt. Wenn ich hindurch ging, veränderten sich die Schatten, die Gedanken, wahrscheinlich auch meine Stimme. Ich wurde zu einer Person, um die man sich sorgen machte.

Ich konnte ihr nicht folgen, ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.

Aus einem Gespräch der Anderen erfuhr Aleksa von Griechenland. Sie erzählte mir eine Geschichte mit einem Stier und einer Biene. Ich konnte ihr nicht folgen, ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.

Die letzten Schulwochen vergingen, ohne dass ich viel davon mitbekam. Aleksa kam seltener zum Unterricht, nur noch ein oder zwei Mal zum Training. Ich ruderte wie verrückt. Beim Wettkampf fuhr ich Skiff und wurde Dritte.

Im neuen Schuljahr stand ihr Name nicht mehr auf der Klassenliste. Niemand schien sich darüber zu wundern. Aleksa wäre mit ihrer Familie zurück an die Küste gezogen, erklärte der Klassenlehrer, ihrem Vater hätte das Klima hier nicht bekommen.

Ein grauer Septembernachmittag. Ich ging mit Matze durch das Wäldchen neben der Schule, was wir schon lange nicht mehr gemacht hatten. An den Nadelspitzen der Fichten tanzten tausende kleine Wassertropfen und an unseren Schuhen klebte ockerfarben der Lehmboden. Er rauchte, was lächerlich aussah. Wir redeten nicht viel. Einmal blieb er stehen, um an einem bemoosten Stein den gröbsten Dreck von seinen Schuhen zu wischen. „Weisst du noch,“ sagte ich und schaute dabei auf seine Füsse, „die Beichte bei der Erstkommunion: Ich hatte das Gefühl, Sünden erfinden zu müssen, damit der Pfarrer nicht enttäuscht ist. Jetzt -…“, ich wusste nicht weiter und musste blinzeln. „Du spinnst“, sagte er im Aufrichten und küsste mich leicht auf die Wange. Durch die Zigarette roch er alt. Dann lächelte er auf eine seltsam verwackelte Art und lief davon. Ein Junge, der den Bus nicht verpassen durfte. Nach einigen Schritten drehte er sich ohne anzuhalten noch einmal um und rief: „Ich kann dir ihre Adresse besorgen, dann kannst du ihr schreiben.“ Ich grub meine Fingernägel tief in die Handflächen und schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich durch die Gipfel der Fichten verschwommen die Herbstsonne. Mehr nicht.

 

Text: Simsim Sesam, 25, studiert frische Winde und globales Fieber in Zürich.

 

 

 

Von Aussen scheint es ungerecht. Während in der Metropole Tel Aviv die Leute nach wie vor Kaffee trinken und draussen sitzen, bleiben die Palästinenser Gazas in ihren Häusern. Wenn in Israel die Sirenen heulen, rennt man in den Bunker, in Gaza hört man den Knall des Anschlags und hofft auf Verschonung. In Israel richten die Angriffe der Hamas einen geringen Schaden an, in Gaza zerstört die israelische Armee Nachbarschaften und Familien. Es scheint ungerecht. Es ist ungerecht. Aber gerechtfertigt.

Die Tatsache, dass Israel während des neuesten Konflikts fast keine Todesopfer zu verzeichnen hatte, während in Gaza bereits fast 200 ihr Leben liessen, unterstützt die Welt in ihrer Haltung, Israel als den übermächtigen, ungerechten und unverwundbaren Feind wahrzunehmen. Israel steht als Ritter mit Rüstung einem Bauernjungen im Jutesack gegenüber, so die allgemeine Wahrnehmung. Zudem operiert Israel in einem von ihnen selbst abgesperrten Gebiet, was so etwa einer Antilopenjagt im Raubkatzenkäfig gleichkommt. Auch dieses Bild entspricht der Aussenwirkung.

Dieser Konflikt ist bestimmt ungerecht. Die Frage ist jedoch: Für wen? Es ist ein Konflikt, der wieder einmal auf dem Rücken der Bevölkerung Gazas ausgetragen wird. Einer Bevölkerung, die nicht entkommen kann und nicht geschützt wird. Eine Bevölkerung unter einem von ihnen gewähltem Regime, dass in erster Linie nicht die Zivilbevölkerung schützen will, sondern ihre eigenen Interessen über die Sicherheit ihrer Leute stellt, unter diese Interessen fällt die Zerstörung Israels. Die Hamas hat Raketen. Viele Raketen, teure Raketen. Die Hamas hat sich in den letzten Jahren aber nie darum gekümmert, für ihr Volk ein Sirenensystem zu installieren, das frühzeitig vor Anschlägen warnt. Oder Bunker zu bauen, in die man flüchten kann. Die Hamas fordert ihre Bevölkerung in Gaza sogar auf in ihren Nachbarschaften zu bleiben, während die israelische Armee vor ihren Angriffen dazu auffordert, diese zu verlassen. Als Märtyrer werde man sterben, sage die Hamas. Die Leute der Hamas sind jedoch die ersten, die nach Warnungen das Weite suchen, so berichten es verschiedene Palästinenser im Gazastreifen.

Israel geht bestimmt nicht zimperlich vor, im Gegenteil. Hätte Israel von Anfang an eine Bodenoffensive gestartet, wären sicherlich weniger unschuldige Zivilisten ums Leben gekommen. Man hätte noch gezielter arbeiten können. Wäre die Operation Protective Edge von Anfang an eine Bodenoffensive gewesen, hätte man aber auf israelischer Seite einige Tote mehr verzeichnet. Dass das nicht dem Interesse Israels entspricht, erklärt sich von selbst.

Die Hamas hat seit Beginn der neuesten Eskalationen über 1’000 Raketen auf Israel abgefeuert. Wie viele Tote das gegeben hätte, würde Israel nicht über sein Abwehrsystem Iron Dome verfügen, kann man sich kaum ausmalen. Die Hamas nimmt nicht nur Opfer auf ihrer Seite ein Kauf, sondern strebt mit ihren Attacken die gezielte Tötung von Zivilbevölkerung an. Die Hamas kämpft gegen einen Staat, Israel gegen eine Terrororganisation, die ihre eigene Bevölkerung instrumentalisiert. Es gab bis anhin zu viele Opfer in Gaza, das sei unbestritten. Aber hätte die Hamas ein ehrliches Interesse, sie alle zu schützen, hätte sie sich auf den Waffenstillstand mit Israel eingelassen oder wenigstens die Schutzmöglichkeiten in Gaza so ausgebaut, dass wenigstens etwas Sicherheit für die Bevölkerung gewährleistet ist.

Es ist ein Konflikt, in dem man die Zivilbevölkerung unabhängig von deren Regierung beurteilen muss. Ja: Steht auf für Gaza. Steht auf für die vielen Todesopfer. Aber man darf das Urteil über diesen Konflikt nicht anhand der Zahl der tatsächlichen Todesfälle fällen. Wer Israel in Zeiten wie diesen verurteilt, hat alles Recht der Welt dazu. Aber wer Israel verurteilt, muss mit der Hamas mindestens genauso hart, wenn nicht härter ins Gericht gehen.

 

Text: Joëlle Weil, freie Journalistin in Tel Aviv
Bild: Tumblr

0

1ofa100.com ist ein Online-Marktplatz, den es sich anzuschauen lohnt.

Auf der Webseite treffen sich Käufer und limitierte Editionen von sorgfältig hergestellten Produkten – jedes gibt es nur 100 Mal.

Der Erfolg der Plattform hängt wohl vom Auge der Kuratoren ab: Wenn die Macher die richtige Auswahl treffen, kann das Konzept funktionieren.

1ofa100 hat seinen Sitz in Schlieren (ZH) ist aber offenbar auf internationalen Erfolg aus – sie haben Nierderlassungen in Köln und in einem Kaff in Holland.

Anschauen lohnt sich.

0

Die Antwort: Viel. Denn an diesem Wochenende feiern sie das Sommerfest.

Wer den Drohungen der Mobimo und der Stadt Zürich glauben will, muss mit dem letzten Sommerfest auf dem Labitzke-Areal rechnen. Es kann sein, dass die Besetzer von Altstetten schon im August gehen müssen und das Areal geräumt wird.

Noch ist es nicht soweit: Mit einem grossen Fest während dem ganzen Wochenende zeigt das Labitzke noch einmal seine ganze Farbigkeit. Schade, dass es bald vorbei ist…

Hier geht es zum Programm.

Seit einigen Tagen hangen zudem diese Plakate in der Stadt (bei Klick wird das Bild gross und lesbar): Es kündet an, dass die Besetzer wohl nicht ohne Weiteres ihr Zuhause verlassen wollen.

Wir halten euch auf dem Laufenden – aus unserer Sicht.

abgangsaufruf_farbig

 

Labitzke im Internet: Bleib farbig, Autonomer Beautysalon, Labitzke Areal

Hier gibts noch mehr zu besetzten Häusern: UBS will Abriss auf Vorrat, Binz, hier steht was geht

0

Die Geschichte einer Reise durch das gelobte Land, das von seinen Gegensätzen und dank der ständigen Bedrohung lebt

«Das Tragen von Waffen ist im Flughafen verboten». Der Satz, der uns in Tel Aviv begrüsst, passt zu einem Land, das auf Nadeln sitzt, in dem die Angst zum Alltag gehört. Er passt zu einem Land, das weder eine Nation, noch ein Nationalstaat ist – und das weder sein kann, noch sein will. Er passt zu einem Land der vielen Widersprüche. Einige davon sind deutlich sichtbar, andere sind besser erlebbar, als beschreibbar. Im gelobten Land begegnen uns Städte, Landschaften und Menschen, für dessen Vielfalt meistens eine Reise in mehrere Länder nötig wäre.

Tel Aviv, eine Stadt, die kleiner ist als Zürich, dabei mit ihrer Modernität und ihren unzähligen Wolkenkratzern mehr Internationalität und Grossstadtgefühl auslöst, als die Limmatstadt. Tel Aviv ist eine junge Stadt. Die Menschen sind aufgeschlossen, jegliche Angebote grossartig, die Supermärkte haben in der Nacht geöffnet, die Reklamen sind riesig und die Ausgehmöglichkeiten sind ungezählt. Hier zeigt sich, was uns während der ganzen Reise auffallen wird: Neben der zum Konsum einladenden Ladenpassage mit internationalen Modehäusern von Adidas und Le coq sportif, mitten in einer Infrastruktur, die es mit der in der Schweiz durchaus aufnehmen könnte, finden wir den «Shuk Ha’Carmel», den Carmel Market, wo gefälschte Uhren, Socken und CDs zu Schleuderpreisen verkauft werden. Wie passt das zusammen? Das Gedränge ist kaum auszuhalten, die Strasse mit den Ständen will nicht enden. «Gleichzeitiges von Ungleichzeitigem», wie es der Politologe Dieter Ruloff zu sagen pflegt. Es macht sich ein starker Staat bemerkbar, der dafür sorgt, dass alles schön aussieht, dass die Touristen und die Reichen sich wohl fühlen. Doch ein grosser Teil der Menschen scheint sich auf dem altertümlichen Markt mit Waren einzudecken. Es macht sich ein starker Staat bemerkbar, der wie dichter Nebel über seinem Gebiet und über seinen Bewohnern hangt, ohne sich mit diesen zu harmonisieren. Gemäss dem HDI – dem Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen – ist Israel das 17. bestentwickelte Land der Welt (die Schweiz ist auf dem 11. Rang): eine ausgezeichnete Infrastruktur, hohe Lebenserwartung, ein gutes Bildungssystem und relativ gutes Einkommensniveau. Dass die palästinensischen Autonomiegebiete da nicht mitgemeint sind, ist klar: Diese liegen mit Usbekistan auf dem 114. Platz.

«Shabbat shalom» rufen die Verkäufer hinterher, als wir uns am Freitagabend mit Bier eindecken, das nach 23 Uhr nicht mehr verkauft werden darf – wegen den vielen Unfällen auf der Strasse. Am richtigen Shabbat, am Samstag ist die Weltstadt Tel Aviv ausgestorben. Unwissend suchen wir vergebens nach einer Bäckerei, die Frühstück serviert. Hin und wieder passieren wir aber eine Strassenecke, wo sich junge Israelis in ein schönes Kaffeehaus drängen oder an der Sonne den Schaum aus ihrem Cappuccino löffeln. Was die orthodoxen Juden am Samstag machen, ist für uns nicht zu eruieren. Die weniger praktizierenden flanieren mit ihren Familien am Strand entlang. Unser Spaziergang führt quer durch die Stadt in ein riesiges Quartier, wo unzählige Flüchtlinge und Einwanderer aus Afrika – vorwiegend Eritrea – wohnen. Gleiche Strassen, gleiche Busse, gleiche Häuser – andere Menschen.Unbenannt1

Am Bahnhof warten wir so lange auf den Zug, bis sich eine merkwürdige Situation abspielt. Ein Afrikaner, der mit dem Judentum etwa so viel anfangen kann, wie ein Schraubenzieher mit einem Nagel, erklärt uns, die nicht mehr davon verstehen, mit breitem Grinsen: «Ey, what are you waiting for?! It’s Shabbat, there ist no train today!». Kein Zug also am Samstag. und der Taxichauffeur erklärt während der Fahrt, dass sie, die Israelis, die Amerikaner eigentlich gar nicht mögen. Und deren Präsidenten ebenso wenig. Obama sei nur gewählt worden, weil er schwarz ist. Das ist überraschend, schliesslich sorgen die USA sehr gut für ihren Verbündeten im Nahen Osten. Der Fahrer gibt denn auch zu, Israel sei halt militärisch und wirtschaftlich vom grossen Bruder abhängig. Ob er sich denn vor den Palästinensern fürchte, frage ich. Nein, die seien nicht das Problem. Sowohl im Gazastreifen, wie auch im Westjordanland hat die israelische Armee die ehemaligen Bewohner des Landes unter Kontrolle. Keine Gefahr vom Landesinnern. Angst haben die Israelis vor Ägypten, vor dem Iran, vor Syrien und Jordanien. Angst haben sie also von allen, die irgendwie in ihrer Nähe sind und die sie nicht kontrollieren können. Eine Angst, die wohl historische Wurzeln hat. Ständige Territorialkriege und besetzte Gebiete gehören zu dieser Region.

Im Mietauto geht es nach Süden in Richtung des roten Meeres bei Eilat. Die Vegetation ändert sich innerhalb von weniger als zwei Stunden fundamental: Rund um Tel Aviv ist die Landschaft grün und verwachsen, etwas südlich davon sind wir umgeben von einer endlosen, ockerfarbenen Steinwüste. Die Gegend ist kaum mehr besiedelt. Zweimal fahren wir noch durch Städte, die diese Bezeichnung aber kaum verdienen. Es sind Ansammlungen von sandigen, einstöckigen Bauten. Die Strassen sind leergefegt. Nur hin und wieder kreuzen wir ein Auto. Bar? Restaurant? Fehlanzeige. Ein Hotel finden wir in einer der Städte. Die junge Frau, die uns das Essen serviert erklärt strahlend, dass es in dieser Stadt nichts gebe. Ob wir das denn nicht wissen? Die Menschen aus Tel Aviv kommen nur nach Mizpe Ramon, um nichts zu machen und Hasch zu rauchen. Die Strasse führt weiter durch Berge und Ebenen, bis an eine der seltenen Kreuzungen, wo wir einen einheimischen Anhalter mitnehmen.

Auf der halbstündigen Fahrt in sein Kaff zeigt er uns eine geheime Militärbasis – der Grösse nach zu urteilen kann sie nicht sonderlich geheim sein, aber auf Googlemaps ist sie nicht zu finden – und ein Krater, einer ägyptischen Bombe. Der Sohn australischer Einwanderer erzählt, er war so «high» als das Geschoss unweit seines 150-Seelen-Dorfes eintraf, dass er dachte, seine Kollegen machen einen Witz. Für einen unbefleckten Besucher aus der Schweiz mutet das ziemlich absurd an. Seine Wohnsituation ist erwähnenswert. Zusammen mit einem Freund baute er sich eine Baracke: Der Raum misst ungefähr zwei auf drei Meter. Darin liegen zwei Matratzen, eine grosse Kiste Gras und ein Flachbildschirm und der Router für das drahtlose Internet. Die beiden Jungs gönnen sich nicht mal eigene Zimmer oder sanitäre Anlagen, aber Fernsehen und Internet haben sie in der modernsten Ausführung. Wir verdauen die Überraschung und fahren die restliche Stunde nach Eilat.

Unterwegs passieren etwa alle 45 Minuten einen Checkpoint des Militärs. Die Soldaten haben politisch verordnete Angst. Für uns ist sie nicht spürbar. Im Gegenteil, einmal an die Präsenz der Sicherheitskräfte gewöhnt, strahlen sie  für uns ein Gefühl von Sicherheit aus. Manchmal wollen sie wissen, woher wir kommen, manchmal winken sie uns durch. Sie merken schnell, dass von uns keine Gefahr ausgeht. Die schwer bewaffneten Soldaten wünschen uns eine gute Fahrt und eine angenehme Zeit in Israel. So geschieht es oft: Sobald die Bedrohung ausgeschlossen ist, ist eine grosse Freundlichkeit spürbar – selbstverständlich nicht gegenüber allen Nationalitäten. Die ägyptische Grenze, deren Verlauf wir folgen, ist mit einem hohen Zaun abgesperrt. Beim signalisierten Grenzübergang ist der Zaun sogar noch dicker und höher als davor und danach. Das Wort «Übergang» wird hier noch ernst genommen.

Der Abzweiger nach Jericho bedeutet den Eintritt in eine andere Welt. Auch hier wieder Angst: Der palästinensische Sicherheitsmann, der schwer bewaffnet, den Zugang zur uralten Stadt kontrolliert. Israelische Bürger dürfen diese Grenzposten zu den besetzten Gebieten nicht passieren. Grosse gelbe Schilder warnen sie: Lebensgefahr. Westler betreten eine Stadt, die nicht zu Israel zu gehören scheint. Und nicht dazugehören möchte. Das B.I.P. pro Kopf beträgt in den palästinensischen Gebieten gut 1500 Dollar, die Arbeitslosenquote liegt bei einem Viertel. Dreckige und verstaubte Strassen, alte Autos. Ein Stadtzentrum, das aus heruntergekommenen Häusern besteht, arabische Männer, die skeptisch unsere Sneakers beäugen. Frauen und Mädchen sind höchstens vereinzelt zu sehen. Dafür Jungen und Männer, die Kaffee trinken, Wasserpfeife oder Haschisch rauchen oder dem Gesang des Muezzins folgen. Ginge es nach unserem israelischen Navigationsgerät, wären wir nie nach Jericho gekommen. Eine Meldung auf dem kleinen Bildschirm warnt: Das Ziel liege in den Westbank, «it might be risky». Die Strassen dahin kennt der digitale Lotse nicht – «unknown street» heisst es oft.Unbenannt

Dass die Stadt, welche sich selber etwas flunkernd als älteste Stadt der Welt bezeichnet nicht von Israelis kontrolliert wird, heisst nicht, dass der Einfluss der Politik Netanjahus nicht spürbar wäre. Handeln mit Israel, auf dessem Boden Jericho steht, ist nicht realistisch. Die wenigen Güter, die sich die Palästinenser leisten können, stammen wohl aus Jordanien. Manchmal, so erzählt man sich, schiessen sie aus purer Verzweiflung auf Fahrzeuge mit israelischem Kennzeichen. Auf der Suche nach einem Nachtquartier fahren wir in eine Kleinstadt vor Ost-Jerusalem. Die Stadt ist bewohnt von jüdischen Siedlern. Eine Stadt, in der es nichts gibt, als noble Häuser und ein grosses Einkaufszentrum, bei dem vor jedem Eingang ein bewaffneter Wachmann und ein Metalldetektor steht. Die Stadt passt so gar nicht in die Landschaft: Weniger hundert Meter neben den Villen hausen Palästinenser unter ärmlichsten Bedingungen – hinter einem dicken Zaun aus Draht. Diese Diskrepanz spitzt sich zu und findet ihren Höhepunkt in der Altstadt von Jerusalem, die in vier bedeutende Gebiete unterteilt ist: das christliche, das jüdische, das muslimische und das armenische. Die Übergänge sind fliessend. Die Stassennamen, die Kleider und die Essensstände geben Aufschluss darüber, in welchem Bereich sich der Besucher gerade aufhält.

Ausserhalb der religiösen Zentren ist Jerusalem eine Stadt, die auch in Europa stehen könnte. Eine Stadt mit einem grossen orthodoxen jüdischen Teil, eine Stadt mit Bars, Pizzerien, Museen und Ladenpassagen. Es ist eine Stadt, die nicht nur vom Tourismus und den religiösen Konflikten lebt. Es ist aber auch eine Stadt, dessen Bewohner sich für etwas Besonderes halten: Als wir einem Barmädchen Tel Aviv als Endstation unserer Rundreise nennen, sagt sie, da fühle sie sich nicht wohl. In Tel Aviv habe sie das Gefühl, sie sei in einem anderen Land.

Israel, ein Land der Widersprüche, die besser gesehen werden können, nicht immer in Worte zu fassen sind. Ein Land, das im Zustand der Waffenruhe einen friedlichen Eindruck hinterlässt. Solange sich die Israelis und Palästinenser an die Warnungen der Schilder, an die Abmachungen zwischen der jüdischen Regierung und den palästinensischen Hamas halten, sind die Konflikte für Aussenstehende kaum erkennbar. Nur die allgegenwärtige Angst, die so weit geht, dass Soldaten in Freizeitkleidern und dem Maschinengewehr Freitagabends in eine Bar hocken. Die Angst, die bei der Ausreise am Flughafen dazu führt, dass jeder Reisende einer persönlichen Befragung unterzogen wird. Mit einem Stempel, eines arabischen Landes im Pass, kann sich diese länger als zwanzig Minuten hin ziehen.

Wie reiner Tau fällt eine Träne auf das Pflaster. Die Morgenstunden tapsen leise durch die dunkeln Gassen, doch ihre Zehennägel schlagen noch den Takt der Nachtschwärmer. Sie lassen sie nicht schlafen. Die letzten Barmänner haben die Kassen geschlossen. Der Frühstückstisch des Pöstlers ist noch einsam leer. Frische Luft schlängelt sich in einen Stadtfuchs mit glasigen Augen. Ein Seufzen legt sich ihm auf die Brust. Der Betrunkene vor ihm steht mit gesenktem Kopf. Er weht im Wind. Erschüttert hält er sich an seiner Dose. Er hat die Welt erkannt. Jetzt. In diesem Augenblick. Da alle schlafen. Die Träne bleibt auf dem Pflaster. Knirschend bricht ihm das Herz. Und bricht in Jubel aus. Aus seiner Brust in die dunklen Morgenstunden. Und er schaut seine Dose an und liebt sie, wie er noch nie etwas liebte. Und die Träne auf dem Pflasterstein glitzert und des Fuchses Gesicht. „Oder?“, fragt der Mann in die glasigen Augen und fühlt sich verstanden. „Ja“, schreit die Träne und dem Fuchs ist zum Weinen. Sie atmen gemeinsam in die kalte Luft hinein. Bis die Träne verdunstet. Die Dose fällt dem Mann aus der Hand. Er wendet sich nach Hause. Der Fuchs schnüffelt am ausgeleerten Bier.

Text: Meret Bachmann, 21, studiert Philosophie und deutsche Literaturwissenschaft und versucht sich gerne an Sprache.